Amerang – Zum vierten Mal heißt es: Werktreues Opernvergnügen bei den Opernfestspielen Schloss Amerang. Auf elf Opernabende darf sich das Publikum freuen. Und bei den 53. Ameranger Schlosskonzerten werden 22 Vorstellungen geboten, darunter drei Sonntagsmatineen. Die Schlossherren Ortholf Freiherr von Crailsheim und Giulia Freifrau von Crailsheim-Larisch sowie Opern-Regisseur Ingo Kolonerics erklären das Programm und wie sie den Ministerpräsidenten als Moderator gewonnen haben.
Herr von Crailsheim, sind Sie eine Kämpfernatur? Verdis Oper „Aida“, sonst eher die Arena von Verona füllend, auf die Ameranger Schlossbühne zu bringen, ist ja eher ein Kraftakt, oder?
Ortholf von Crailsheim: Nein, um Gottes Willen, ich sehe mich nicht als Kämpfernatur. Es geht vielmehr darum, gewohnte Pfade zu verlassen und sich trotzdem treu zu bleiben. In unserem Fall erwartet man eher das Kammerspiel als die große Oper. Das ist der Reiz für uns: dem Publikum bewusst neue, intime Einblicke auf diese Kunstgattung anzubieten und sie zu überraschen.
Wie wollen Sie sich als Regisseur dieser Herausforderung stellen, Herr Kolonerics?
Ingo Kolonerics: Franco Zeffirelli hat dies im Teatro Verdi, das knapp 200 Plätze hat, in Busseto (wo Verdi wohnte) schon gemacht, um zu zeigen, dass Aida überwiegend ein Kammerspiel ist. Nur der Triumphakt lädt zur Gigantomanie ein. Die Geschichte spielt sich aber hauptsächlich in den anderen Akten ab, für die eine kleinere Bühne geeigneter ist, da man auf Riesenbühnen keine Mimik mehr erkennt.
Ein weiteres Groß-Unternehmen wird die Öffnung der Gestüts-Reithalle gegenüber des Schlosses Amerang. Wie kamen Sie auf die Idee, Ministerpräsidenten Markus Söder und Kabarettist Django Asül für die Italienische Operngala am 21. Juli zu engagieren?
Giulia von Crailsheim: Nachdem ich seit Jahren von Konzertbesuchern darauf angesprochen wurde, ob ich nicht einmal das Gestüt öffnen möchte, entschloss ich mich dafür „wenn schon denn schon“. So möchte ich das, was ich am meisten liebe, verbinden: Musik, Pferde und Humor. Dass Dr. Markus Söder diesen, auch gerade außerhalb der Politik besitzt, wird man am 21. Juli feststellen dürfen.
Sie gründen dieses Jahr den 1. bayerisch-österreichischen Laien-Opernchor. Wird dieser Chor auch bei den Opern auftreten?
Kolonerics: Nach den Vorsingen werden wir sehen, wie schnell sich die Chorarbeit entwickelt und wann er zum Einsatz kommen kann. Spätestens zur weihnachtlichen Operngala!
Die technischen Herausforderungen sind ja auch nicht gerade klein. Am Samstag, 7. Juli, tritt abends etwa die Simon & Garfunkel Revival Band auf der Schlossbühne auf, am Sonntagmorgen um 11 Uhr ist „Operette meets Musical“ angesagt und abends um 20 Uhr ist dann Premiere von Puccinis „Tosca“. Wie groß ist Ihr Team, mit dem Sie beispielseise den Bühnenbild-Umbau bewerkstelligen?
Ortholf von Crailsheim: Wir haben eine zuverlässige und gute kleine Mannschaft, die das bewerkstelligt, zu der ich selbstverständlich mit gehöre, denn alles, was wir hier machen, ist Familiensache und bedarf aller helfenden Hände. Das gesamte Schloss mit seinem einzigartigen Innenhof ist für sich schon eine großartige Kulisse, die oft nur wenige Akzente benötigt, um Erstaunliches zu bewirken. Das macht ja auch den Reiz für unser Ensemble und unseren Bühnenbildner Hendrik Müller aus. Das Publikum spürt das von Anfang an in jeder Inszenierung.
Zweimal Verdi, einmal Mozart, einmal Puccini. Nähern Sie sich bei Ihrer Regie dem Werk eher von der Musik her – Sie sind ja selbst Bass-Sänger – oder von der Handlung?
Kolonerics: Man muss sich von allen Seiten nähern, alles durchleuchten, durchforschen, aber es gibt Tabus: Erstens: Zu versuchen das Stück umzuschreiben. Zweitens: Gegen die Musik zu inszenieren. Verdi gibt manchmal viel Zeit für ein Duett, in dem szenisch nicht viel passiert, außer dass zwei Menschen ihre Gefühle äußern. Dies tun sie über die Musik. Manche Regisseure ertragen diese Bühnenruhe nicht und meinen, alles verinszenieren zu müssen. Aber es gibt nur eine Antwort darauf: Man braucht gute Sänger, die durch ihren Gesang Spannung erzeugen und nicht eine Choreografie. Bei Puccini sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Er verliert keine Zeit. Die Regie ist in die Musik genau hineinkomponiert, hier findet man einen Schlüssel, da hört man den humpelnden Mesner, und den Einmarsch der Soldaten. Das hilft, aber es ist auch ein Korsett.
Dieses Jahr organisieren Sie wieder den Grandi- Voci-Gesangswettbewerb mit großem Finale am 26. Oktober. Wie viele Bewerbungen erwarten Sie? Aus welchen Ländern kommen die vielversprechendsten Talente?
Kolonerics: Die Anmeldungen kommen meistens aus über 30 Ländern. Es gibt viele sehr gute Sänger. Aber meistens werden an vielen Orten die Falschen ausgewählt, aus verschiedenen Gründen. Da wird ein Schüler protegiert, dort sitzt ein Bekannter in der Jury. An manchen Theatern gibt es keine Leute, die von Stimmen Ahnung haben. Ich stand mit elf Jahren zum ersten Mal auf einer Bühne, debütierte mit 19 als Don Basilio und sang mit 23 in Bayreuth. Die Oper war und ist mein Frühstück, Mittagessen und Abendessen, und fragen Sie nicht wovon ich träume. Ich habe rund 3000 Sänger in Auditionen gehört, 3000 Opernvorstellungen gesehen, wovon ich bei 2000 selbst auf der Bühne stand und knapp 400 selbst inszeniert habe. Ich durfte bei Raimondi, Bumbry, Nesterenko, Giaiotti studieren. Das war eine unglaubliche Schule, um ein Ohr für Stimmen zu entwickeln. Ich möchte gerne die Traditionen des Gesangs erhalten und ich freue mich über jedes neue Sängertalent!
Welches der Konzerte würden Sie den Lesern ganz besonders ans Herz legen wollen?
Ortholf von Crailsheim: Eigentlich alle (lacht). Im Besonderen empfehle ich aber das Trio um David Gazarov, den begnadeten, erstklassigen Pianisten, der sowohl in der Klassik als auch im Jazz zu Hause ist. Er löst seit einiger Zeit mit seinem neuen Bach-Jazz-Konzept „Bachology“ eine Welle der Begeisterung aus. Oder die Hot Club Harmonists, die uns nach Frankreich in das Reich von Musette und Gipsy Swing entführen, passend zu unserem neu eröffneten französischen Schloss-Café.
Giulia von Crailsheim: Ich persönlich würde Georg Maiers Iberl Bühne empfehlen, die uns in die hintersinnige bayerische Welt mit einem Hollerküacherl entführen. Und dazu unsere beiden Neuzugänge: Giovanni Costello, der „perfekte Italiener“, und „Wildes Holz“, etwas verrückte Musiker, die der Blockflöte alles außer Langeweile entlocken können.
Herr Kolonerics, kommen Sie außerhalb der Opern noch dazu, sich auch ein Konzert auf Schloss Amerang anzuhören?
Kolonerics: Letztes Jahr hörte ich sonntags eine Volksmusik-Matinee, da ich nach dem Rigoletto im wunderschönen Hotel übernachten durfte. Ich wurde zärtlich um 10 Uhr von den Bläsern geweckt und erinnere mich, dass diese blitzsauber spielten.
Was war die schönste Publikumsreaktion in Amerang, die Sie erlebt haben?
Ortholf von Crailsheim: Letztes Jahr beschwerte sich ein Besucher bei mir scherzhaft, er würde wegen Amerang keine Lust mehr auf die großen Opernhäuser haben und hätte deswegen all seine Opernabos gekündigt.
Kolonerics: Als ich für den Trovatore das Licht führte, saß vor mir ein Ehepaar, das sich vor der Vorstellung umdrehte: „Mein Mann hat den Trovatore in Dresden das erste Mal gesehen, vor etwa 65 Jahren, danach noch weitere 38 Produktionen mit Corelli, Bonisolli, del Monaco usw.“ Da dachte ich „Oje“, die werden uns vernichten. Nachdem der Tenor und der Bariton schmetterten, vernahm ich sein Nicken und den erhobenen Daumen. Am Ende „Toll! Wir kommen wieder! Zur Traviata, die hab ich rund 70-mal gesehen.“ Das werde ich nie vergessen.