Rosenheim – Natalie Buchholz, die im Elsass geboren, aber in Rosenheim aufgewachsen ist, 1997 am Ignaz-Günther-Gymnasium Abitur gemacht hat und nun als Lektorin in München lebt, hat ihren ersten Roman vorgelegt: „Der rote Swimmingpool“. Er spielt zwischen München und Paris auch in Baierbach am Simssee.
Der Abiturient Adam lebt im Paradies. Das Paradies ist seine Familie: Wiktor, gebürtiger Pole, höchst erfolgreicher Unternehmensberater und fürsorglich-liebender Vater, und seine Mutter mit dem beziehungsreichen Namen Eva, was aber nur einmal beiläufig erwähnt wird, die sehr schöne Französin mit den langen dunklen Haaren und der „Telefonsexstimme“, deren liebste Beschäftigung das Schwimmen im Swimmingpool ist, der mit roten Kacheln bestückt ist, was dem Roman dem Titel gibt: Eva und Aphrodite in einem. Die Frau aller Frauen. Adams Eva.
„Meine Mutter schwamm auf ihn zu, schlug mit einer Hand am Beckenrand an, schwang sich aus dem Wasser und lächelte ihn an, während sich ihr Brustkorb vor Anstrengung hob und senkte. Mein Vater stand vor ihr wie ein großer Schuljunge, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und lächelte zurück. Das war der Moment, in dem zwischen ihnen die Sonne aufging, immer weiter nach oben wanderte und etwa auf der Höhe ihrer beider Köpfe stehenblieb, wo sie ein warmes, kräftiges, pinkgelbes Licht ausstrahlte. (…) Alles war gut. Solange meine Mutter meinen Vater anlächelte und sich die Sonne bereitmachte für ihren großen Auftritt, war alles gut.“ Ein paradiesisches Bild. Ein Familienidyll, so schön, so warm, dass man es kaum glauben kann. Kein Wunder, dass Adam harmoniesüchtig ist.
Doch aus diesem Paradies wird Adam vertrieben, die Idylle zerstört, die Familie löst sich auf. Warum, kommt im Buch erst ganz am Schluss heraus und soll auch nicht verraten werden, es ist das Spannungselement, das diesen Roman strukturiert und in der Schwebe hält. Und diese schwebende Spannung zehrt sehr beim Lesen. Aber Adam findet eine neue Eva, die – viel banaler und irdischer – Tina heißt, und er findet in dieser Liebe ein neues Paradies.
All dies erzählt Natalie Buchholz flüssig und frisch, leicht und elegant, pointiert und sorgfältig wortökonomisch, amüsant in seiner Lakonie, zärtlich-warm in der Schilderung einer aufkeimenden Liebe und gestisch signifikant-genau, geradezu filmisch. Und ganz geschickt und routiniert hat sie Adam auch einen „Buddy“ gegeben, seinen pragmatisch philosophierenden Freund Tom.
Raffiniert gegenläufig aufgebaut ist diese Geschichte, die Adam in der Rückschau berichtet: Während er erzählt, wie die Liebe seines Vaters zur Mutter geht, entsteht eine neue Liebe, und dies geradezu explosiv: Sein „erstes Mal“ hat eine Feuersbrunst zur Folge, sein „erstes Mal“ mit Tina eine Ohnmacht. Dies passiert in Baierbach, wo sich Tina am Strand fast wie Adams Mutter präsentiert: „Die Sonne brennt auf Tinas Kopf und lässt ihr Haar durchsichtig erscheinen.“ Und gleich sagt es Adam: „Sie duftet nach Kokos. Nach Paradies.“ Und sie hat – natürlich – ein rotes Kleid an.
So steht diese Episode in Baierbach genau in der Mitte des Romans, geografisch zwischen München, wo Adam wohnt, und Paris, wohin er mit seiner Mutter gefahren ist. Manchmal kann auch Baierbach das Paradies sein.
Natalie Buchholz, „Der rote Swimmingpool“, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München, ISBN 978-3-446-25909-6, 19 Euro.