Wasserburg – Mit dem Stück „Die Opferung von Gorge Mastromas“ blickte das Metropoltheater bei den Theatertagen hinter die Kulissen einer neo-kapitalistischen Gesellschaft, deren Profitgier nur Opfer kennt: Während die Armen als Betrogene auf der Strecke bleiben, gehen die Reichen an ihrer inneren Leere moralisch zu Grunde.
Der britische Dramatiker Dennis Kelly geht in seinem Stück aus dem Jahr 2012 der Frage nach, wie schnell Ethik und Moral in einer Welt der materiellen Werte entwertet werden. Das Ergebnis ist ein Turbokapitalismus, der rein den Marktmechanismen gehorcht und den sozialen Ausgleich ablehnt. Kellys Protagonist „Gorge Mastromas“ steht dabei stellvertretend für die CEOs und Konzernvorstände dieser Welt, deren Gier nach Macht und Reichtum unstillbar ist.
Gorge Mastromas ist zunächst weder ein Held noch ein Verlierer, sondern eher ein öder Durchschnittstyp „im oberen Drittel der unteren Hälfte der Beliebtheitsskala“. Fehlendes Charisma gleicht er aus, indem er versucht, im Zweifelsfall stets das moralisch Richtige zu tun. Diese Maxime hindert ihn immer wieder, so zu sein, wie er gerne wäre. Und so bleibt er immer nur Mittelmaß, ein Zukurzgekommener, anfangs bei den Mädchen, später bei den ersten Beziehungen und schließlich auch im Job.
Gorge arbeitet in einer Firma, die vor dem Ausverkauf steht. Das Szenario ist bekannt: Kaufen, Plündern, Wegwerfen. Vermeintliche Sanierer und Banken erledigen dann das, worauf Heuschrecken-Investoren längst warten. Da bekommt Gorge ein Angebot, dem er nicht widerstehen kann. Er gerät in den Sog von Geld und Macht und lernt, wie einfach es ist, Menschen zu manipulieren und in den Ruin zu treiben. Dabei ist ihm jedes Mittel recht; Gorge verfällt dem Cäsarenwahn.
Jochen Schölch inszenierte die schaurig-schöne Neo-Kapitalismus-Persiflage auf karger Bühne, minimalistisch und mit dennoch mit maximalem Erfolg. Das Ensemble des Metropoltheaters erzeugte ein Szenario unterhaltsamer Betroffenheit, das sich einprägte. Kindheit und Jugend von Gorge waren als Erzähltheater angelegt. Seine prägenden Schlüsselerlebnisse wurden von Mario Andersen, Butz Buse, Philipp Moschitz, Judith Toth und Eli Wasserscheid kommentiert oder auch begutachtend erläutert. Resultierte sein Verhalten in der Schule und bei seinen Beziehungen nun aus Güte oder Feigheit? Vermutlich war es beides, nämlich einfach Mittelmaß. Matthias Grundig als Gorge war stets präsent, allerdings zunächst auf Mimik und Gestik reduziert. Das sollte sich allerdings eruptionsartig schnell ändern.
Mit Gorge Mastromas´ Berufsleben traten die Akteure und die Handlung nämlich ins reale Spiel. Judith Toth wurde zur Managerin, eine knallharte Firmenliquidatorin. Von ihr lernte Gorge sein Handwerkszeug, perfektionierte es, um anschließend seine Mentorin in die Bedeutungslosigkeit zu katapultieren.
Mario Anderson spielte den Chef, dessen Unternehmen liquidiert wurde sowie den Vater von Gorges letzter Frau, seit dem väterlichen Missbrauch eine fragile Person mit Borderline-Persönlichkeit. Sie wurde dargestellt von Eli Wasserscheid.
Gorge Mastromas aber alterte und wurde immer mächtiger und war überzeugt, vom Schicksal auserwählt zu sein. Doch dann tauchten die Figuren seiner Vergangenheit wieder auf. Gorge traf auf seinen Bruder, dargestellt von Butz Buse, der die Wahrheit über Gorge ans Licht zu bringen wollte. Dafür bezahlte er mit seinem Leben. Schließlich kam mit Philipp Moschitz Gorges Enkel. Dieser beabsichtigte, den Großvater zu töten, um die Welt von einem der Mächtigsten unter den Raubtierkapitalisten zu erlösen. Gorges Mastromas Ende aber blieb offen – ebenso wie die Frage, ob die Aufführung zeitgleich zum 200. Geburtstag von Kapitalismuskritiker Karl Marx nun Zufall oder Absicht war.