Martin Walsers Soldatenerlebnisse im Inntal

von Redaktion

Autor schildert in „Das Leben wortwörtlich – Ein Gespräch“ Eindrücke aus der Kriegszeit

Rosenheim – „Ein Gespräch“ ist der Untertitel des Rowohlt-Buches „Das Leben wortwörtlich“, und hier treffen zwei streitbare Generationen ebenso respekt- wie temperamentvoll aufeinander, nämlich der Schriftsteller Martin Walser, Jahrgang 1927 aus Wasserburg am Bodensee, und der Hamburger Journalist und Verleger Jakob Augstein, Jahrgang 1967. Letzterer ist rechtlicher Sohn von Rudolf Augstein, des 2002 gestorbenen Chefs des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Jakob Augsteins leiblicher Vater ist jedoch Walser. Augsteins Mutter, die Übersetzerin Maria Carlsson, hat das erst nach dem Tode des Spiegel-Herausgebers, mit dem sie verheiratet war, ihrem Sohn eröffnet. 2005 trafen sich Vater und Sohn erstmals.

Im Dialog, der viele Facetten von Walsers Leben beleuchtet, will Augstein auch wissen, wie sein Vater den Krieg erlebt hat. Walsers Vater war 1938 gestorben, der ältere Bruder 1944 gefallen. Beider Mutter betrieb eine Gastwirtschaft sowie eine Kohlenhandlung, Sohn Martin führte schon mit 14 Jahren die Bücher des Kohlenhandels. „Hast du überhaupt jemals gekämpft?“, fragt Augstein seinen Vater.

Walser antwortet: „Gott bewahre, nein! Da hat mein Bruder schon recht behalten, der immer gesagt hat: Bis du so weit bist, ist der Krieg schon zu Ende. Im Frühjahr waren wir im Inntal eingesetzt. Die Amerikaner kamen von Rosenheim und die Franzosen von Innsbruck, und wir befanden uns dazwischen. Wir hatten einen idiotischen Chef, einen Major…“ Dieser habe seine Leute angewiesen, mit den Gewehren auf die Tiefflieger der Amerikaner zu schießen, die im Inntal die Brücken zerstörten. „Und dann kam es zu meiner wichtigsten Mitwirkung in diesem Krieg. Das war in der Nähe von Kufstein. Die Amerikaner waren da, selbst dieser Major stand nun vor der unabweisbaren Notwendigkeit, dass man verhandeln musste. Da er aber kein Englisch konnte, fragte er uns. Meine Gebirgsjägerkameraden konnten alle wunderbar Gebirgsbayerisch, aber kein Englisch. Ich meldete mich…“

„Wunderbar Gebirgsbayerisch“

Die Amerikaner hätten ein „Soldatenamerikanisch“ gesprochen, was sich erheblich von Walsers Schulenglisch unterschied. „Der Amerikaner merkte also, dass ich ihn nicht verstand, und sagte ganz langsam: ,Lay weapons down and stand here‘. Das verstand ich. ,All right‘, antwortete ich ihm also und machte kehrt, lief zu meiner Einheit zurück und sagte dem Major, dass wir uns jetzt ergeben sollten. Der Major sah das aber anders…“

Unter Führung eines Münchner Leutnants, der schon Zivilkleidung trug, desertierte eine kleine fünfköpfige Gruppe. „Wir sind aber nicht in das Inntal hinabgestiegen, sondern hinauf auf die Hänge. Das erschien uns als Gebirgsjägern der natürliche Weg. Wir sind oben entlang Richtung Westen.“ Man übernachtete in Berghütten. Als die Gruppe kleiner geworden war – der Leutnant war bereits nach München abgebogen – begegneten Walser und ein ebenso junger Kamerad plötzlich zwei KZ-Insassen. Bei Füssen gerieten die beiden jungen Soldaten dann in US-amerikanische Gefangenschaft. hh

Martin Walser/Jakob Augstein „Das Leben wortwörtlich – Ein Gespräch“, Rowohlt-Verlag, ISBN 978-3-498-00680-8, 19,95 Euro.

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