100. Todestag

Der Prototyp des Chiemseemalers

von Redaktion

Der von der Kunstgeschichte ignorierte Maler Karl Raupp machte den Chiemsee international populär

Prien – Im Jahr 1918 schreibt der Münchner Literat Alex Braun in seinen „Münchner Silhouetten“: „Wenn die Fremden fort waren oder noch nicht da, abends oder im Vorfrühling und Spätherbst, da waren die Maler und Dichter unter sich, etliche werte Freunde dazu, und da wurde ,gefestet‘ nach Herzenslust. Auf daxengeschmücktem, mit farbigen Lampions die dämmrige Flut belichtendem Kahn holte man da Raupp fröhlich ein, den ,Inselkönig‘, wie er in der Nachfreude der Erinnerung gern erzählte, und fast kosend verweilte der Ton auf dem Titel, der ihn beglückte, weil ihn der Volksmund in freier Wahl ihm verliehen und den einst als Erster Max Haushofer getragen.“

Es ist der Mythos des „Chiemseemalers“, der das Leben des 1837 im hessischen Darmstadt geborenen Künstlers Karl Raupp ausmacht. Ein Mythos, von dem bis heute nicht nur die Tourismusindustrie, sondern auch das Kunstleben profitiert. Es ist umso erstaunlicher, dass der Künstler außer bei den Besitzern seiner Bilder und den Kunsthändlern, die immer von seinen Arbeiten gut gelebt haben, in der Kunstgeschichte keine große Rolle spielt.

Die letzte größere Ausstellung auf Frauenchiemsee liegt nunmehr 30 Jahre zurück. Die einzige Ausstellung davor war die Nachlassretrospektive im Münchner Kunstverein im Jahr 1918. Der letzte eigenständige Text zu Raupp erschien im selben Jahr. Eine Monografie liegt bis heute nicht vor. Woher dieses Desinteresse an einem Künstler, der als „Chiemsee-Raupp“, als „Chiemseemaler“ bezeichnet wurde – der Begriff wurde kurz vor 1900 für ihn „erfunden“, – und der fälschlicherweise bis heute in diversen Artikeln als Gründer der Künstlerkolonie Frauenchiemsee gilt?

Für die Kunstgeschichte ist Raupp nur einer von vielen Genremalern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Geht man die zeitgenössischen Texte zu seinen Arbeiten durch, wird schnell klar, dass Raupp nur eine relativ kurze Blütezeit hatte. Es sind die Jahre zwischen 1860 und 1890. Es ist die Zeit, als er im Atelier von Piltoy in München ankommt. Es ist die Zeit, als erste, kräftige, von der Kritik positiv aufgenommene Bilder entstehen und es ist die Zeit, in der er vor allem von Friedrich Pecht, dem Herausgeber der Zeitschrift „Die Kunst für Alle“ massiv gefördert wird, und zahlreiche Abbildungen in diesem weitverbreiteten Medium erschienen.

Malen

für den Markt

Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Raupp ist Zeitgenosse von Hans von Marées, von Wilhelm Leibl und Johann Sperl, von Wilhelm Trübner und Karl Schuch. Er ist gleichaltrig mit Manet, Monet, Degas, Renoir, deren Bilder er kennt. Aber Raupp bleibt in seiner Kunst gesehen „stehen“. Er verweigert sich den neuen Richtungen. Ja, er geht im Lauf seines Lebens sogar einen Schritt zurück. Hatte schon sein verehrter Lehrer Piloty die „Sentimentalität“ in den frühen Bildern Raupps kritisiert, so entwickelten sich seine Arbeiten immer mehr zu oft süßlichen Klischeebildern, die vor allem den Kunsthandel interessierten, weil sie eben „gängig“ waren. Der Kunsthistoriker Hans Ottomeyer bezeichnet diese Künstler immer wieder mit dem Ausdruck: „Er hat halt für den Markt gemalt.“ Raupp war – kunsthistorisch gesehen – also schon ab 1890/95 nicht mehr interessant. Er war der „Fächler“, der sich gut verkaufen ließ.

Dabei wird zu oft übersehen, dass Raupp gerade in der Landschaftsmalerei ein wirklich hervorragender Künstler war. Seine Zeitgenossen haben dies mehrfach hervorgehoben. Seine „plein-air“-Studien sind oft von ganz besonderer Qualität, ebenso wie seine auf Frauenchiemsee entstandenen Personenstudien, die er dann später in seinem Münchner Atelier an der Kunstakademie, an der er seit 1880 Professor war, zu großen Bildern zusammenkomponierte. Ein gutes Beispiel dafür ist das Gemälde „Reicher Fischzug“ der Priener Kunstsammlung, das im Jahr 1900 bei der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt wurde. Es fand damals keine Besprechung im Feuilleton, eine Tatsache, die wenige Jahre zuvor völlig undenkbar gewesen wäre.

Raupp schildert in seinen „Erinnerungen“ ausführlich sein Leben, die Zeit als Professor in Nürnberg und München, seine Aufenthalte in den Künstlerkolonien Willingshausen in Hessen, in Brannenburg und vor allem auf Frauenchiemsee. Und hier erschließt sich auch, warum er zwar zahlreiche Schüler hatte, aber eben keine Raupp-Schule begründen konnte, weil er nämlich vor allen Dingen mit den technischen und kompositorischen Fragen der Malerei beschäftigt war.

Nicht umsonst hatte er in den frühen 1890er-Jahren den „Katechismus der Malerei“, ein Handbuch für den angehenden Künstler, geschrieben. In München war er zunächst Lehrer des Antikensaals, später leitete er die „Vorschule“ der Akademie, abschließend die Naturklasse und später die Mal- und Komponierschule.

Es war allein Raupp, der aufbauend auf den, schon von Max Haushofer ab 1828 gelegten, Fundamenten zur Künstlerkolonie Frauenchiemsee, den unverbrüchlichen Mythos „Chiemseemaler“ schuf. Seine Entscheidung, ab 1869 alljährlich die Insel zu besuchen und dort die Sommerfrische zu verbringen – ab 1880 nahm er dort sogar eine eigene Wohnung – und fast seine ganze künstlerische Tätigkeit auf den Chiemsee, dessen Stimmungen, Schönheit und Gefahren, dessen Menschen und vor allem der Fischer abzustimmen, brachte dem See eine Popularität, die letztlich bis heute anhält.

Seine Bilder machten den See berühmt

Seine Chiemseebilder, verbreitet durch Reproduktionen in Zeitschriften, brachten dem See europaweite Popularität. Eine so große Popularität, dass schon zu Lebzeiten Raupps der Massenansturm auf die Insel kritisiert wurde. Alex Braun schreibt dazu 1918: „Und er hat’s gemalt, immer wieder den Liebhabern interessant gemacht, was er lieb hatte und ihn interessierte. Karl Raupp, der den Leitspruch gehabt: ,Kunst ist Können, aber nicht jedes Können ist Kunst’, Karl Raupp, der ,Chiemseemaler‘ kurzweg. Als solcher ist er zu Ruf und Beliebtheit gelangt seit er den ,Frieden‘ gemalt, Mutter und Kind im Kahn auf mittaglich glänzendem See. In und um Frauenchiemsee fand er nach eigenem Wort ,Alles was er brauchte, was ihn malerisch reizte und unbewusst schon immer in ihm zum Ausdruck drängte. … Er scheute keine Mühe, Luft, Licht, Lokalfarbei der Natur abzulauschen, auf dem Einbaum mitten in der Flut oder auf dem Podium, das er weit drinnen im See sich erbaut, fest eingerammt wie die ursprünglichen Pfahlbauten. So fern der Blick streifte war das schilfige Gestade gefeit vor der Sense, denn er hatte sich´s zugesichert, und ,der Herr Professer derf net verinkommodiert wern‘. Er tat auch den Leuten zuliebe stets gern ein übriges, und sie hatten eine Ahnung, was diese Chiemseebilder ihnen bedeuteten. Spürten es an dem Zulauf, der von Jahr zu Jahr sich mehrte und auch sonst der Insel zugute kam.“

Mit großem Eifer und Engagement hat Karl Raupp die Künstlerfreundschaften und Künstlertreffen, die Feste und Lustbarkeiten auf Frauenchiemsee gefördert und auch durchgeführt. Dies alles ist in der mehrbändigen, handschriftlichen Künstlerchronik von Frauenchiemsee aufgezeichnet, die in der dortigen Gemeindeverwaltung aufbewahrt wird.

Im Todesjahr des Künstlers erschien als Zusammenfassung dieser Bände das kleine Büchlein „Die ehrwürdige erlesene Chronik der Malerherberge auf Frauenwörth“. Karl Raupp und Franz Wolter waren seine Herausgeber. Und es war sein Vermächtnis. Ein Buch, dessen Titel letztendlich schon den Abschied von einer guten, alten, nicht mehr wiederkommenden Zeit verkündet – wir stehen am Ende des 1. Weltkriegs –, aber letztendlich die Geburtsurkunde für die Mythen „Künstlerkolonie Frauenchiemsee“, „Chiemseemaler“ und am Ende auch seines Herausgebers, dem „Inselkönig“ Karl Raupp und dessen Werk ist. Karl Raupp verstarb am 14. Juni 1918 in München. Sein Grab auf dem dortigen Waldfriedhof besteht heute nicht mehr.

Die Gedächtnisausstellung zum 100. Todestag von Karl Raupp ist noch bis zum 1. Juli im Heimatmuseum Prien zu sehen. Geöffnet ist das Museum täglich außer Montag, 14 bis 17 Uhr. Ein Katalog zu Karl Raupp erscheint gegen Ende der Ausstellung.

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