Haag – Ein Bach kommt selten alleine. Und natürlich murmelt er nicht vor sich hin, sondern jubiliert bis in die höchsten Höhen der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Haag, wo im Rahmen des Musiksommers zwischen Inn und Salzach der Orpheus-Chor München ein beeindruckendes Konzert gab. Auf dem Programm das „Projekt Bach“: berühmte Werke einer berühmten Familie. Denn der heute wohl berühmteste Bach, Johann Sebastian, stellte bereits selbst einen Stammbaum zum „Ursprung der musicalisch-Bachischen Familie“ zusammen.
Der Orpheus-Chor München unter der Leitung von Gerd Guglhör, vor 36 Jahren hervorgegangen aus dem großen Chor des Akademischen Gesangsvereins München, hat sich auf eine stilgerechte Interpretation anspruchsvoller A-cappella-Werke und die Wiederentdeckung vergessener Komponisten spezialisiert. Wie unglaublich stilvoll und mit wie viel Dynamik das vonstatten geht, davon konnte sich das leider eher spärliche Publikum in Haag selbst überzeugen.
Den Laienchor hört man diesem exzellenten Vokalensemble, das mit gut 50 Sängern angetreten war und den ganzen Altarraum füllte, ganz gewiss nicht an. Beeindruckend die Intonationssicherheit und die Textverständlichkeit, mit der die Beteiligten ihre Stimmen doppelchörig wie ein Echo durch den Kirchenraum fluten ließen.
Gerne folgte man dem Orpheus-Chor und seinem energiegeladenen Leiter Gerd Guglhör auf eine etwa 100 Jahre umspannende musikalische Reise durch die Welt der Bachs, die seit den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs und der Pestepidemie vor allem eines tun: inmitten all der Vergänglichkeit und den Schrecknissen des Lebens – dem ganzen Moll also – eine Hoffnung entgegenzustellen, die Mut macht und Verheißung verspricht.
Zu entdecken gab es bei diesem Konzert vor allem den rund 40 Jahre vor Johann Sebastian wirkenden Johann Christoph Bach, der als „das Genie vor dem Genie“ gilt, und bereits über hochkomplexe kompositorische Mittel verfügte, die Johann Sebastian dann zur Vollendung führte. Der „Meiniger Bach“ Johann Ludwig, ein entfernter Verwandter, widmete sich überschwänglichen Koloraturen, um die Freude durch das Gottvertrauen auszudrücken. Das Konzert schloss mit Großmeister Johann Sebastian Bachs Motette „Komm Jesu komm“, das sich entwickelt vom innigen Gebet, über absteigende Zweiergruppen, das „Seufzermotiv“ bis zu einer meditativ-überwirklich anmutenden Choral-Aria.
Dass diese wundervolle Welt der mehrstimmigen Chormusik nicht nur der Vergangenheit angehört, dafür sorgte eine von Sebastian Schwab, Jahrgang 1993, komponierte Kantate für Soli, Chor und Continuo „Jesu meine Freude“. Nicht so reduziert wie der derzeitig wohl bekannteste Kirchenmusiker Arvo Pärt, sondern voll ins Musikalische hineingreifend wie sein Kompositionslehrer Jörg Widmann, folgt er ganz dem Bach’schen Kosmos, aber modern interpretiert. Da brausen dumpfe Töne wie eine Welle durch den Chor, werden Passagen in rasantem Tempo von einem Sänger zum nächsten Kanon-artig verschoben, darf der Sopran auch mal schrill klingen, erzeugen rauf und runter gehende monomane Töne ein Kraftfeld, bis das Werk leise aushaucht.