Neubeuern/Erl– Am Freitag, 22. Juni um 18 Uhr wird der Opernsänger Oskar Hillebrandt im Festspielhaus Erl sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern, Gustav Kuhn leitet das Orchester der Tiroler Festspiele Erl. Geboren ist Oskar Hillebrandt 1943 in Schopfheim/Baden, aufgewachsen ist er in Gelsenkirchen. Zunächst hat er das Goldschmiedehandwerk gelernt und dann doch Gesang in der Musikhochschule Köln bei Josef Metternich studiert. 1968 hat er als Ferrando in Verdis „Troubadour“ in Stuttgart debütiert und dann alle wichtigen Partien seines Faches „Heldenbariton“ auf allen wichtigen Bühnen in aller Welt gesungen. Jetzt wohnt der Kammersänger in Neubeuern, wo er auch jährlich im Sommer seine „Masterclass“ durchführt. Zu seinem Jubiläumskonzert haben die OVB-Heimatzeitungen den Heldenbariton befragt.
Lieber Herr Kammersänger Hillebrandt, Sie haben auf allen wichtigen Bühnen in aller Welt gesungen, auch lange in der Wiener Staatsoper. Warum feiern Sie Ihr Bühnenjubiläum nun in Erl?
Oskar Hillebrandt: Ich bin ja vor zehn Jahren nach Erl gekommen, bin als Hans Sachs in den „Meistersingern“ eingesprungen und hab damit eigentlich die Festspiele in Erl gerettet. Dann hat man mich später gebeten, als Sänger-Coach zu arbeiten, also den jungen Sängern Ratschläge zu geben und meine Erfahrungen weiterzugeben. Und jetzt wohne ich seit vier Jahren in Neubeuern und bin oft in Erl, ich mag die Festspiele und ich mag Gustav Kuhn. Er ist ein hervorragender Chef und er hat diese Festspiele gegründet, was man gar nicht genug loben kann.
Welche Arien werden Sie singen?
Ich werde den „Holländer“-Monolog singen, den Amfortas aus „Parsifal“ und den Monolog des Hans Sachs aus den „Meistersingern“.
Und warum gerade diese Arien?
Ich habe meistens in meinem Leben Wagner gesungen. Vielleicht bin ich der meistsingendste Wagner-Sänger der Welt. Es gibt ja nur zehn Wagner-Opern, und ich habe 22 Rollen gesungen, also fast alles, was möglich ist für Bassbariton.
Was sind neben dem Sachs und Holländer Ihre Lieblings-Opernpartien?
Eine ganz tolle Partie ist der „Macbeth“ von Verdi. Diese Rolle hab ich geliebt. Diese Bösewichter sind ja bei Verdi noch gemeiner als bei Wagner, wenn ich da an den Jago aus „Othello“ denke – und auch an Scarpia aus „Tosca“. Das sind Rollen, die ich gerne singe, wo man einfach legato singt. Bei Wagner ist wichtig, dass man den Text gestaltet, bei Verdi ist es wichtig, dass man die musikalische Form singt, deshalb macht es Spaß, einen anderen Spaß.
Wie sind Sie zu Ihrem ersten Opern-Engagement gekommen?
Ich wollte immer Sänger werden, schon als Zehnjähriger. Dann war ich beim Militär und dann hab ich den Rudolf Schock kennengelernt durch meine Mutter, die ihm immer Briefe geschrieben hat. Der hat mir seinen eigenen Lehrer empfohlen, den Kammersänger Rudolf Watzke. Und dann bin zur Musikhochschule nach Köln gegangen und habe bei Josef Metternich studiert. Es hat drei Jahre gedauert und dann wurde ich in Stuttgart engagiert.
Und wie ist es dazu gekommen?
Der Oberspielleiter von Stuttgart war in Köln und hat mich da gehört und hat mich eingeladen zum Vorsingen. Der Metternich hat gesagt: „Gut, sing mal da vor, dann weißt Du, wie das geht, engagieren tun die Dich eh nicht.“ Ich bin hingefahren und kam mit einem Vertrag zurück. Und von da an war ich Opernsänger.
Legendär ist immer noch Ihr Einspringen aus dem Stand als Wotan in Wien.
Das war natürlich ein Hammer. Ich war am Westbahnhof, um meine Freundin – jetzt meine Frau – abzuholen und kriegte einen Anruf von der Staatsoper, der Wotan kann nicht mehr singen. Da bin ich sofort hingefahren, eine halbe Stunde später stand ich schon auf der Bühne. Nur ich wusste nicht, dass das die „Ring“-Premiere war, und als ich in der Maske saß, haben die mir gesagt, dass diese Premiere weltweit im Rundfunk übertragen wird. Das war natürlich alles überraschend für mich, aber ich hatte keine Zeit nachzudenken, ich bin auf die Bühne, hab gesungen – es ist ja dann gut gegangen.
Sie sind jetzt 75 Jahre alt und haben immer noch eine prachtvoll klingende Stimme: Wie machen Sie das? Viele Sänger sind ja schon mit 60 Jahren „abgesungen“.
Erstens hab ich bei Metternich eine sehr gute Technik gelernt. Ich habe 40 Jahre immer wieder bei ihm meine Stimme kontrollieren lassen. Das tun leider die meisten Sänger nicht. Denn die Stimme verändert sich unmerklich, auf einmal wird man eng, dann muss man drücken, dann geht’s nicht mehr. Zweitens spielt sich alles im Kopf ab. Ich hab zum Beispiel noch nie gesagt, dass Singen eine „Arbeit“ ist. Drittens und ganz wichtig: Man muss lernen, das zu singen, was im Text steht. Mein alter Intendant hat immer gesagt: „Der Geist öffnet die Stimme!“ Ich hab zuerst gedacht, was soll der Quatsch. Später, als mir bewusst geworden ist, wie man in seine Rolle gehen kann, hab ich ihn verstanden: Jawoll, der Geist öffnet die Stimme! Und dann hatte ich auch keine Probleme mit der Länge einer Rolle. Wenn man singt, was im Text steht, ist es viel einfacher.
Lieber Herr Kammersänger, vielen Dank für dieses Interview!
Keine Ursache, mir hat es Spaß gemacht.
Interview: Rainer W. Janka