Rosenheim – Dass der Katholik Adalbert Stifter seinem Leben selbst ein Ende setzte, galt in katholischen Kreisen noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts als ein Unding. Doch schon Thomas Mann sprach 1949 von Stifters „blutig-selbstmörderischem Ende“. Stifter sei, so der Nobelpreisträger, „einer der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten und wunderlich packendsten Erzähler der Weltliteratur“. Der Germanist Ulrich Dittmann hielt auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz einen gut besuchten Vortrag mit dem Thema „Adalbert Stifters Erzählkunst und seine verfehlte Rezeption.“
Dittmann, der sich lebenslang mit dem Werk Stifters beschäftigt hat, verbindet mit dem österreichischen Schriftsteller eine fachliche, aber auch eine persönliche Beziehung. So habe ihn Stifters Roman „Witiko“ wegen seiner heilsam meditativen Wirkung über heftigen Liebeskummer hinweggetröstet.
Mit Hilfe von zwölf Zitaten bedeutender Autoren zeigte der Referent die ambivalente Sichtweise gegenüber Stifters Werk. Der Einschätzung Eichendorffs zu Folge habe Stifter aus den Trümmern der romantischen Schule die religiöse Weltansicht, die geistige Auffassung der Liebe und das innige Verständnis der Natur herübergerettet. Während Hebbel demjenigen, der beweisen könne, dass er den Roman „Der Nachsommer“ zu Ende gelesen hat, die Krone von Polen versprechen wollte, empfahl Nietzsche, Stifters Prosa wieder und wieder zu lesen. Gustav Landauer, der geistvolle Anarchist der Räterepublik, habe in Stifter ebenfalls einen vollkommenen Meister deutscher Prosa gesehen.
Zitate von Bewunderern wie Karl Kraus, Hermann Hesse und Heinrich Böll, der in Stifters Werk eine Fülle, Modernität und Gegenwärtigkeit der Mittel wiederentdeckte, kontrastierten scharf zu Thomas Bernhards aus einer Art Hassliebe genährten Stifterkritik in der Komödie „Alte Meister“.
Ambivalent sei laut Dittmann auch die Rezeptionsgeschichte Stifters. „Für die national empfindende Gruppe der Sudetendeutschen war Stifter ein Säulenheiliger“, erklärte der Germanist. In Bayern, wo die Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht fanden, seien mehr Straßen nach Stifter benannt worden als in Österreich. „Oft waren das aber Sackgassen“, so Dittmann. Mal wurde Stifter zur Wehrertüchtigung empfohlen, mal galt er als ein Erzieher zum Pazifismus. Neben einer politischen Vereinnahmung kam es aber auch zur kritischen Erschließung von Stifters Werk.
Stifters Erzählungen, so Dittmann Landauer zitierend, gäben einen Einblick in die Einheit zwischen der gegebenen Wahrheit der Natur und dem wahren Menschenleben. Nicht nur die ökologische Dimension, sondern auch das vom Dichter postulierte sanfte Gesetz, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet werde, besitze zeitlose Gültigkeit. Es ist das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, „dass sich jeder Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, dass er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für andere Menschen sein sollte“. fü