Wasserburg – Was soll man schreiben, wenn, wie beim Konzert der vier Musiker von „Passo Avanti“, keine Schublade mehr für Originelles passt? Variation, Improvisation, Persiflage, Jazz, Minimal Music, Crossover?
Nehmen wir die „Figaro“-Ouvertüre als tragendes Beispiel für diesen Abend im Rathaussaal von Wasserburg: Man meint im Spiel der vier zu hören, zu sehen, wie Mozart vor Joseph II. am Klavier sein aufmüpfiges Werk vorspielt, dem Kaiser vor Augen führen möchte, wie man gegen Konventionen zu Felde zieht. Dabei bleibt jede Nuance des Genius stimmig, ohne dass seine Ideen verfremdet klingen würden. Mozart pur.
Zurück ins 15. Jahrhundert – wer wagt sich heute schon an Josquin de Prez! Im Rathaussaal gleichen Alters erklingt herb trauernde Musik dieser Zeit, doch die Musiker entdecken in ihren musikalischen Ausflügen über allen höfischen Traditionen auch die Stimme des Volkes und dessen Frohsinn. Oder: Die Aura der Verdi-Oper „Nabucco“ wird in gezielten Übertreibungen der Begleitmotive auf die Spitze getrieben – fehlte nur ein italienisches Publikum, das aus diesem Anlass den Gefangenenchor sicher lauthals mitgesungen hätte…
Vier mit allen Wassern der Musikstile gewaschene Musiker standen auf der Bühne, Musikclowns im edelsten Sinne: Voran Alexander von Hagke an Klarinetten und Flöten jeglicher Größe, und auch mit eigenen Kompositionen wartete er auf; Julia Bassler wusste ihre Violine mal historisch, mal jazzig fiedelnd zu bedienen; Vlado Grizelj zirpte, schrummte an mit Elektrokabel bewehrter Gitarre; und Eugen Bazjan traktierte das Cello als Rhythmus-Star des Ensembles mal senkrecht, mal waagrecht, mit und ohne Bogen und ließ es sich auch nicht nehmen, mal lauthals mitzusingen.
Man spielte auswendig, um jeder Zeit seine musikalischen Gelüste ohne Ablenkung durch Vorlagen aufeinander abstimmen zu können. Ein wie zufällig zusammen gestelltes Instrumentarium vereinigte sich zu einem harmonischen Klanggefüge, ob dies nun Pachelbels „Kanon“, Ravels „Pavane“ oder Mozarts d-Moll-Fantasie war – oder gar eine Jazz-Orgie zur Bachschen „Badinerie“.
Spiel im
Geist des Originals
Ausgelassenheit gehört mit unter die Musikszene. War dies nur Jux? War es reiner Jazz? Ja, wenn man alles, was nach Improvisation klingt, in diese Schublade schieben wollte, schon. Dabei hatten sich die vier von den Konventionen der „blue notes“, der alterierten Akkorde und Harmonien abgewandt und damit dem Improvisations-Metier neue Wege erschlossen. Es verblieb im Spiel der „Passi Avanti“ stets der Geist des Originals als oberste Richtschnur. Die ehrwürdigen Vorbilder dieses Ereignisses im Wasserburger Rathaussaal hätten ihre Freude an diesem Abend gehabt.