Lesung und Konzert

Eine Winterreise nach Mallorca

von Redaktion

Yume Hanusch und Michael Atzinger begaben sich auf die Spuren von George Sand und Frédéric Chopin

Rosenheim – „Gehabte Schmerzen hab ich gern“ wusste schon Wilhelm Busch. Wenn diese von Berühmtheiten erlitten wurden und uns schließlich in literarisch überhöhter Form geboten werden, dann ist der ästhetische Genuss beträchtlich. So war man denn auch gut beraten, statt nach Moskau zu schielen, sich im Rosenheimer Künstlerhof auf Mallorca einzulassen.

Im Winter 1838/39 weilte die berühmte französische Literatin George Sand mit ihren beiden Kindern und ihrem Geliebten Frédéric Chopin auf diesem heute touristisch so überlaufenen Eiland, um dem winterlich kalten Frankreich zu entfliehen. Auf der vermeintlich sommerlich warmen und idyllischen Insel wollte sie Ruhe finden, den kranken Chopin gesunden lassen, und, wenn möglich, im paradiesischen Ambiente etwas Liebesglück erhaschen. Die Rechnung ging leider nicht auf, und der Aufenthalt in der Kartause von Valldemossa geriet durch Kälte, Regen, das Misstrauen der bornierten Einheimischen, und nicht zuletzt durch den „unleidlich“ gewordenen Patienten zum Desaster.

George Sand beschrieb diese Zeit in ihrem Buch „Ein Winter auf Mallorca“ und der längst nicht mehr „charmant“, sondern schlimm hustende Chopin komponierte trotz widriger Umstände etliche seiner schönsten Préludes.

Diese traurige Ausgangslage war für die Pianistin Yume Hanusch willkommener Anlass, zusammen mit dem Sprecher des Bayerischen Rundfunks, Michael Atzinger, dem Schicksal zweier genialer Künstler nachzuspüren. Der Abend wurde alles andere als eine bildungsbürgerliche Schulstunde: Mühelos überwanden die beiden Akteure die Distanz von fast 200 Jahren durch die subtile „Symbiose“ von Text und Musik.

Die Stimme Atzingers, ohne jede bedeutungsvolle Forciertheit, aber farbig nuanciert, zog die Zuhörer durch klangvolle Schwerelosigkeit in ihren Bann. Amüsant, mit welch präzisen, treffenden Formulierungen die mitunter als rhetorisch weitschweifig belächelte Sand Situationen oder auch „hochnäsige“ Urteile bildhaft dem Leser (und hier Hörer) vor Augen stellen konnte. Auch wenn sie der launische Chopin nicht selten zur Verzweiflung brachte, wusste die Sand doch sein überragendes Künstlertum neidlos in heute noch gültigen Worten zu umreißen.

Atzinger las nicht nur aus Briefen Chopins und den Erinnerungen der Sand, sondern schob auch moderierende Texte ein, die das Profil des Abends sehr wesentlich vertieften. Katja Lichtenauer, zuständig für Projektion und Technik, steuerte wenige, aussagekräftige Bilder bei, die den Gesamteindruck anschaulich abrundeten.

Ob Chopin eine „größere Individualität als Bach“ war, wie die Sand behauptete, wollen wir zwar nicht entscheiden; die von Yume Hanusch meisterhaft interpretierten Préludes und Études jedoch verloren in diesem Zusammenhang alles „Salonhafte“. Als Innenansichten einer ebenso verzweifelten wie schönheitssüchtigen Seele bohrten sie sich ins Bewusstsein des atemlos lauschenden Publikums. So peinigend intensiv meint man das „Regentropfen-Prélude“ noch nie erlebt zu haben!

Bei der Begrüßung gab Dr. Peter Hanusch schmunzelnd bekannt, Putin habe seiner Bitte nach Verlegung des Fußballspiels leider nicht stattgegeben. Sei’s drum, der Hans-Fischer-Saal war dennoch mit erstaunlich vielen enthusiastischen Fans bestückt.

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