Flintsbach – Wer glaubt, mit dem aktuellen Stück der Flintsbacher Theaterer nur eine weitere Variante des durch Shakespeare zu zeitlosem Promistatus erhobenen Liebespaares aus Verona vorgesetzt zu bekommen, der irrt sich gewaltig. In „Romeo und Julia in den Bergen“ – geschrieben von der in der Schweizer Theaterszene sehr bekannten Livia Anne Richard – geht es um Ehre, um Gesichtsverlust, um Macht, Einfluss und auch ein kleines bisschen um Reichtum. Und natürlich um die Liebe.
Wie in der englischen Vorlage zerkriegen sich die beiden Väter der Liebenden. Sie bekämpfen sich bis aufs Blut, sind eigensinnig bis zur Sinnlosigkeit und unerreichbar für einen wohlmeinenden Rat oder eine flehentliche Bitte der Ehefrau. Beide wunderbar verkörpert durch Andreas Bauer (Bauer Wanz) und Toni Obermair (Bauer Hans Brenner) samt ihren beiden Gattinnen Johanna Astner und Heidi Sieraczewki in der Versteigerungs-Szene.
Sind anfangs die beiden Bauern noch beste Spezln und verstehen sich besonders beim schlitzohrigen Übers-Ohr-Hauen von anderen, so zerkriegen sie sich aus nichtigem Anlass. Einig, sich ein Stück Land billig, aber widerrechtlich, unter den Nagel zu reißen, verabreden sie einen Deal: Bei der vom Bürgermeister angesetzten Versteigerung wollen sie nicht steigern, dann fällt ihnen das Stückl Wiese recht billig zu. Denn keiner im Dorf ist flüssig genug.
Doch die Gier siegt. Einer der beiden beginnt zu steigern, erst einen Gulden, dann steigt der andere ein – am Ende geht es um 250 Gulden. Zu viel für beide! Der eine ruiniert sich mit der Summe, der andere kann die Schmach des Verlierens in aller Öffentlichkeit nicht verkraften.
Sehenswert sind neben den Protagonisten auch die Leistungen der anderen Schauspieler auf der Bühne: Von Entsetzen bis Schadenfreude reicht der Gesichtsausdruck von Nachbarn, Gesinde sowie Bürgermeister und Pfarrer in der Versteigerungsszene.
Kindlich verwirrt sind zunächst Simon und Vroni (als Kinder Maxi Baumann und Lea-Sophie Huber). Sie spielen unbefangen und erfassen die Tragweite des Unglücks ihrer Väter zunächst noch nicht. Später dann (als Erwachsene Robert Nitsche und Sophia Astner) stecken sie mitten drin. Die Armut hält Einzug: Ihr Vater trinkt, ihre Mutter stirbt. Seine Mutter „verdient“ in der Stadt, sein Vater wird von der Dorfgemeinschaft gemieden. Ein tiefer Fall des ehemals im Dorf hochgeachteten reichen Bauern. Beide Väter versinken in ihrer Tristesse.
Ein weiterer Stich ins Herz der beiden Väter: die Liebe ihrer Kinder. Und beide können nur grob darauf mit Prügel und Geplärre reagieren. Schließlich stirbt Vronis Vater durch eine Affekthandlung: Als er Vroni verprügeln will, tötet Simon ihn mit einem Stein.
Doch Simon und Vroni – zunächst sieht es so aus, als wollten sie ihren historischen Vorbildernin den Tod folgen – finden einen Weg aus den eingefahrenen Konventionen, raus aus dem Teufelskreis von vermeintlicher Ehre. Ihnen geht im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht auf. Glänzend die Leistung aller Akteure, stimmig vom Bühnenbild, der Maske, Beleuchtung, der Dialekt und die Musik von Franz Königbauer. Da läuft es einem kalt den Rücken hinab, wenn das Glockenspiel ganz leise zu spielen beginnt. Viel Applaus bei der Premiere!
Weitere Aufführungen: 22., 28. und 30. Juni; 3., 5., 7., 12., 14., 17., 19., 20., 24. und 26. Juli. Im August: 2., 3., 9., 10., 14., 16., 18 , jeweils um 20 Uhr. Letzte Aufführung am Sonntag, 19. August, um 14 Uhr, im Theaterhaus Flintsbach, Theaterweg 2. Karten unter Telefon 08043/8333 oder www.volkstheater-flintsbach.de