Theaterinsel rosenheim

Weiße Streifen auf weißem Grund

von Redaktion

Toni Müller inszeniert das Erfolgsstück „Kunst“ der französischen Autorin Yasmina Reza

Rosenheim – Yasmina Rezas geistreiche und wortgewandte Gesellschaftskomödie „Kunst“ wird seit ihrer Uraufführung 1994 in Paris international gefeiert. Der Regisseur Toni Müller hat das Stück aktuell in der Theaterinsel Rosenheim inszeniert.

Es geht vordergründig um ein weißes Gemälde mit weißen Streifen, das Serge, ein arrivierter Dermatologe (Tobi Huber), für 200000 Francs gekauft hat. An diesem Bild entzündet sich ein Streit zwischen drei Freunden, in dessen Verlauf sich ihr Leben und ihre Beziehungen zueinander grundlegend ändern. Serge ist begeistert, Ingenieur Marc (Thomas Müller) findet es nur lächerlich und der Papierhändler Yvan (Bernhard Burgstaller) bezieht keine Stellung, weil er es mit keinem verderben will.

Das Stück dient als Katalysator, mit dessen Hilfe die Autorin auf psychologisch fein gezeichnete Weise die drei Männer, ihre Gefühle, ihre Befindlichkeit, ihre Freundschaft, ihr gesamtes bisheriges Dasein auf den Prüfstand stellt. Und wie Yasmina Reza sagt: „Das Drama ist ja, dass Serge nicht lachen kann. Wenn man nicht lachen kann, gewinnt die Meinung die Oberhand und es gibt nichts jenseits von ihr.“

Großzügig auf der Bühne verteilt sind zwei Sofas und ein Stuhl. Zentriert auf einer Staffelei präsentiert der stolze Besitzer seine Neuerwerbung, an der sich die unterschiedlichen Reaktionen entzünden. Tobi Huber spielt Serge mit bald offen auftretender Verletztheit, Arroganz und Aggression gegenüber Marc, den Thomas Müller als Realisten verkörpert, der mit seiner Ansicht in derber Ablehnung nicht hinter dem Berg hält.

In vielen Abblendungen wechseln die Konstellationen der jeweiligen Gesprächspartner. Bernhard Burgstaller, der kurz vor seiner Hochzeit stehende Papierhändler, meidet erst jegliche Konfrontation und reizt dadurch die beiden Kampfhähne umso mehr. Empörung, Wut, schließlich sogar Hass, dazwischen versuchte Sanftheit, vergebliche Bemühungen um Entspannung und das Aufdecken der tieferen Ursachen dieses Streites lassen die Aufführung zu einem spannenden, energiegeladenen und amüsanten Theaterabend werden.

Jeder der Schauspieler verkörpert glaubwürdig den Charakter seiner Figur und setzt sie mit Verve und großer Empathie um. Allein Bernhard Burgstallers hoch neurotischer Auftritt als hypochondrischer, völlig enervierter zukünftiger Bräutigam ist ein Kabinettstückchen für sich.

Alles Unausgesprochene innerhalb ihrer Freundschaft tritt mit erschreckender Wucht zu Tage und hinterlässt Wunden. Wenn aber zum Schluss Serge wieder zu seinem Lachen findet und die Freunde erleichtert mit einstimmen können, ist ihre Freundschaft zwar eine andere, aber sie ist gerettet.

Dem wohl zeitgleich stattfindenden Weltmeisterschaftsspiel geschuldet war die Zuschauerzahl sehr minimiert. Doch die anwesenden Besucher bedankten sich am Ende bei Darstellern und Regisseur mit begeistertem, lang anhaltendem Applaus.

Weitere Aufführungen am Freitag, 29. Juni, Samstag, 30. Juni, Sonntag, 1. Juli, Freitag, 6. Juli, Samstag, 7. Juli, Sonntag, 8. Juli, Freitag, 13. Juli, Freitag, 20. Juli und Sonntag, 22. Juli (freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 17 Uhr).

Wie war’s?

„Ich finde, dass Yasmina Reza ein vergnügliches Spiegelbild der menschlichen Gesell-schaft gezeigt hat. Jeder hält sich für objektiv, will jedoch nur seine eigene Meinung bekräftigt wissen. Weiß ist die Summe aller Farben. Deswegen sieht jeder eine andere Färbung in dem Kunstwerk. Der Ruf nach Humor, der sich zum Ende des Stückes dann einstellt, wird ständig laut. Ein anregender Abend! Lobend ist die Textleistung der Darsteller zu erwähnen.“

Heide Jüthner-Kley