Maxlrainer Kultursommer

Blitzstart in eine neue Ära

von Redaktion

Anna Töller erobert Bad Aibling mit dem Joseph-Haas-Chor in der Kirche St. Georg

Bad Aibling – Erster Eindruck beim „Geistlichen Konzert für Chor und Orchester“: Jung, sehr jung zum Teil sind die vielen weiblichen und männlichen Sänger, welche die gebürtige Bad Aiblinger Chorleiterin Anna Töller um sich scharen konnte. Diese hat, nach Jahren als Chordirektorin an verschiedenen deutschen Bühnen und mehrfach ausgezeichnet, den Joseph-Haas-Chor übernommen. Mit diesem musikalischen Blitzstart vor vollem Haus scheint nun eine neue Ära für den traditionsreichen Chor anzubrechen, der nach dem liebenswerten bayerischen Komponisten Joseph Haas benannt ist, der einst als Direktor der Münchener Musikhochschule amtete.

Aber nun muss im selben Atemzug auch die „Capella Cantabile“ aus Traunwalchen hervorgehoben werden. Die ebenso jungen wie versierten Orchestermusiker leisteten Vorzügliches unter der Leitung des vielseitig tätigen Geigers Alexander Krins.

Goethe und Co. reisten nach Italien, um der Antike nachzuspüren. Komponisten wie Händel oder Heinrich Schütz jedoch wollten in diesem Land die zur ihrer Zeit aktuelle Musik des Barock genauer kennenlernen: Denn die Italianitá war damals Trumpf. Die Auswahl des Programms versuchte also „die große musikalische Liebe zwischen Deutschland und Italien“ hör- und erlebbar zu machen: Zu Beginn und als Finale Georg Friedrich Händel, als Herzstück in der Mitte Heinrich Schütz. Die Italiener Alessandro Scarlatti und Tommaso Antonio Vitali kamen rein instrumental zu Wort. Ein sehr durchdachtes Programm!

Als Solist brillierte Alexander Krins mit Vitalis „Chaconne in g-Moll“. Ein Opus unter emotionalem Hochdruck, mit reizvollen melodischen Abweichungen vom Gewohnten und eindringlich virtuoser Geste. Doch all dies war in die feste Form einer Chaconne gegossen: Ein harmonisch ständig wiederholter Abschnitt wird melodisch variiert.

Dem „Concerto grosso Nr.1 f-Moll“ stand dann Alexander Krins als Dirigent vor. Ein Genuss zu sehen, wie die Musiker auf jede suggestive Bewegung des Maestro sofort reflexartig reagierten. Der typisch barocke Adagio-Beginn geriet nicht behäbig – man spürte förmlich, wie sich Energien aufstauten, die sich dann im fugierten Allegro temperamentvoll austoben durften. Als Continuo grundierten Susanne Tutert an der Orgel und der Solocellist Simon Nagl das harmonische Fundament.

Eine Spezialität von Heinrich Schütz ist die Mehrchörigkeit. Da war die seitliche Empore der Kirche der ideale Ort, um diese Stereophonie von „Lobe den Herren meine Seele“ aus den Psalmen Davids optisch wie akustisch genießen zu können. Von Händel gibt es mehr Hits als nur das „Largo“ oder „Halleluja“: „O sing unto the Lord a new song“ ist zwar kein neues Lied, aber es klang wie neu, sozusagen poliert und auf Hochglanz gebracht. Die Stimmen erklangen in unverbrauchter Frische, direkt, aber ohne Härten, leuchtend auch in extremer Höhe. In die manchmal vertrackten Koloraturen stürzte man sich mit Lust und Risikofreude.

Anna Töller hielt den großen Klangkörper mit feinen, sensiblen Gesten in fester Hand. Jedes Detail war durchgearbeitet, nichts wurde dem Zufall überlassen und doch wurden alle Werke mitreißend und spontan musiziert. Der Tenor Michael Etzel hatte die Solopartien mit warmer, flüssig geführter Stimme gesungen. Der Löwenanteil allerdings war von der Sopranistin Regine Sturm zu bewältigen. Souverän meisterte sie die zum Teil heiklen Stellen, ohne dabei an Glanz der Stimme einzubüßen. Imponierend übrigens die Solo-Oboistin Jelisaveta Pesic, Studentin am Mozarteum, welche die jagenden Koloraturen der Sängerin in eben diesem Tempo begleiten musste, ohne auch nur im Geringsten „aus dem Tritt“ zu geraten.

Der Beifall bewies, dass diese Premiere der vielen jungen Sänger und Musiker eingeschlagen hat. Eine Zugabe war unumgänglich. Aber man wird in Zukunft noch mehr von diesem Ensemble zu hören bekommen. Also: Anna Töller, Joseph-Haas-Chor, weitersagen!

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