Kunstverein Traunstein

Zusammenbrüche und Lebensfreude

von Redaktion

Faszinierendes Themenspektrum bei der Jahresausstellung „Kollaps“ bis Sonntag, 29. Juli

Traunstein – Wenn Kunst dem Betrachter einen Spiegel der Wirklichkeit und seiner Wahrnehmung vorhält, dann hat sich der Kunstverein Traunstein heuer ein geradezu elektrisierendes Thema vorgenommen: Unter dem provozierenden Titel „Kollaps“ stechen 61 Künstler in 71 Arbeiten mitten hinein in Zeitgeist-Phänomene, setzen sich mit ökologischen Krisen, Wirtschafts-Wahnsinn und politischen Verwerfungen auseinander oder beleuchten zwischenmenschliche Zerrüttungen und innere Zusammenbrüche.

Ein ganz wesentlicher Aspekt der bis Sonntag, 29. Juli, gezeigten Ausstellung ist aber auch, dass es Bilder, Skulpturen und Installationen gibt, die Hoffnung und Zuversicht wecken. „Gerade aus dem Zusammenbruch wird so die Chance zu Regeneration und grundlegender Erneuerung“, schreibt Judith Bader von der Städtischen Galerie in einer Einführung zur Ausstellung.

Wer voreilig depressive Stimmung vermutet, der sollte sich eher zu einer Entdeckungsreise voller Überraschungen, neuer Einsichten und gehaltvoller Diskussionen inspirieren lassen. Gleich an sechs Orten im Stadtgebiet gibt es die Möglichkeit dazu: in der evangelischen Auferstehungskirche und der Pfarrkirche Heilig Kreuz, auf dem Campus St. Michael, im Stadtpark und den Arkaden sowie in der Alten Wache.

Jeder Ort bietet durch seine spezifischen Eigenheiten andere Ansätze, in der Auseinandersetzung mit der Kunst emotionale Bezüge auszuloten, seine Wahrnehmung zu schulen und durch innovative Sichtweisen eingefahrene Gleise zu verlassen. Oder: Einfach mal die Stille genießen und auf sich wirken lassen.

Fast schon dem Kollaps nahe fühlt sich auch der Betrachter angesichts der Vielfalt interessanter Werke, die eine Betrachtung lohnen. Grafiken, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Installationen in Mischtechnik, Fotografie und Materialbilder setzen ganz unterschiedliche Akzente. Während etwa Anja Garschhammer und Johann Plank in ihren Bildwerken in der Alten Wache ganz dezidiert auf den „Kollaps“ verweisen, bahnt sich der Horror eines ganz speziellen Zusammenbruchs bei Reinhard Kalenda in der evangelischen Kirche sublimer an.

Er hat zwei massive Werkstücke aus verrostetem Stahl, die an Bauteile beziehungsweise eine Stabhandgranate erinnern, so auf zwei schwere, per Eisenband miteinander verbundene und unterschiedlich hohe Eisenbahnschwellen montiert, als hätte eine unsichtbare Kraft sie auseinandergedrückt. Zwischen den beiden drohend aufragenden Eisenteilen purzeln Eisenklötzchen durcheinander, wie von Kinderhand im Spiel zum Einsturz gebracht. Der Titel „Septembernacht“ erinnert an das Grauen der Fernsehbilder aus New York, das alle erfasste, als die Welt 2001 aus den Fugen geriet.

Nicht weniger furchterregend ist dahinter „Die Nacht“ von Wolfgang Schuster. Er lässt auf seinem düster beleuchteten Gemälde die Schmerzen eines von Folter malträtierten Mannes mit verbundenen Augen in einem stummen Schrei gipfeln. Ein Sinnbild dessen, was Menschen sich gegenseitig antun können. Das kirchliche Umfeld erweitert es um Assoziationen an die Geißelung Christi und erweitert damit den Bedeutungsradius.

Dies gilt auch für den Bildzyklus der zwölf Kreisbilder von Heinrich Stichter in der Pfarrkirche Heilig Kreuz. Sie erzählen keine Geschichte, sondern machen den Entstehungsprozess des Bildes selbst zum Ereignis. Das eruptive und intensive Ringen mit Farbe, Form, Material und kompositorischen Mitteln auf der Leinwand lässt so den Schöpfungsprozess manifest werden. Die Kreisform auf dem Bild tritt in Dialog mit der Kreisform der Kirche und schließt den Betrachter mit ein. Das Bild wird damit auch zum Sinnbild für das existentielle Ringen des Menschen im Weltenlauf.

Aber nicht nur Tiefgründiges, sondern auch Witz und Ironie haben in der Ausstellung ihren Platz. So verrückt Helmut Mühlbacher auf dem Gelände des Campus St. Michael ein ausgehobenes Erdstück mit dem doppeldeutigen Titel „Aufbruch“. Die Installation lässt viele Interpretationen zu. Den Aufstieg und schnellen Fall schillernder Persönlichkeiten in Wirtschaft, Politik, Sport und Showbusiness hat Ina Roll-Sichelschmidt im Landratsamt mit einer Murmelbahn voll grinsender Köpfe thematisiert.

Murmelbahn mit grinsenden Köpfen

Sehenswert sind auch die Fotoarbeiten unter den Arkaden. Lebensfreude pur und innere Verbundenheit kombiniert das Foto-Triptychon von Harald Sedlmeier „Life starts when fear ends“ während Anton Steinbacher auf seiner Foto-Collage das „Pferd der Finanzapokalypse“ in die City of London schickt und Rolf Seiffert den „System-Collaps“ anhand eines verfallenden Hauses in Wittenberg dokumentiert. Die Ähnlichkeit einer Steinform mit einem im Meeressand eingesunkenen Gestrauchelten zeigt Jutta Burwitz im Bild „Am Boden“.

Nähere Infos rund um die Ausstellung „Kollaps“ gibt esunter www.kunstverein-traunstein.de. re

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