Amerang – Der Blockflöte lastet im Allgemeinen das Klischee des ach so braven Musikinstruments an, das Kindern den Einstieg in die Welt der Noten ebnet und allenfalls in der Klassik Höhenflüge erlebt. Das Trio „Wildes Holz“ befreit die Blockflöte aus dieser Nische und lässt sie in seinen Konzerten in neuem, mitunter verwegenem Licht erscheinen.
Bereits seit 20 Jahren revolutionieren Tobias Reisige (Blockflöte), Markus Conrads (Kontrabass, Mandoline) und Anto Karaula (Gitarre) die gängige Aufführungspraxis. Im Jubiläumsjahr 2018 stehen über 100 Termine bundesweit auf ihrem Tourneeplan. Auf Einladung von Ortholf Freiherr von Crailsheim stellten die drei hochgewachsenen Herren aus dem Ruhrgebiet auf Schloss Amerang ihr neues Programm „Ungehobelt“ vor.
Mit Telemanns „Fantasie in C-Dur“ in einer jazzigen Bearbeitung für Blockflöte, Kontrabass und Gitarre, gefolgt von einem Punkrock-Stück der Ramones demonstrierten die drei Männer in Schwarz gleich zu Beginn des Abends, wohin die Reise gehen sollte. „Ungehobelt“, das steht einerseits für freche Arrangements bekannter Musikstücke von E bis U und andererseits für „grobschlächtige Instrumentenbehandlung“ (Zitat „Wildes Holz“), die vor allem dem Kontrabass des gewollt grimmig dreinschauenden Markus Conrads immer wieder zuteil wurde.
Tobias Reisige ging derweil mit seinen Blockflöten – ein gutes Dutzend von Mini bis Maxi kamen zum Einsatz – sehr pfleglich um, selbst wenn er gleichzeitig in zwei Flöten blies („Saltarello“). Was für ein Spaß, wenn man das Original hinter den Arrangements erkannte, etwa Falcos „Rock me Amadeus“ in bestechend minimalistischer Unplugged-Version oder den 90er-Jahre-Hit „All that she wants“ von „Ace of Base“ im akustischen Indianer-Gewand! Für den Elektro-Pop-Klassiker „Popcorn“ von Hot Butter wechselte der Hüne Conrads zur kleinen Mandoline – und hatte die Lacher dabei auf seiner Seite. Mit der Singenden Säge ließ er als Zugabe Céline Dion und ihren „Titanic“-Song ertönen.
Humor ist die dritte Komponente des Programms, ein charmanter Lausbubenhumor, den sich das Trio aus seiner Zeit an der Musikschule in Recklinghausen offensichtlich bewahrt hat. Am Ende hieß es salopp „Und Tschüss!“ und das Publikum trat beschwingt und mit neuem Blick auf das zu Unrecht unterschätzte Holzblasinstrument den Heimweg an.