Lemberg – Den 1964 in Walchsee/Tirol geborenen Matthias Kendlinger muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen: Nach seinen Anfängen als Unterhaltungsmusiker hat er sich stetig zu einem Dirigenten und auch Komponisten weiterentwickelt, hat zusammen mit Gustav Kuhn die Tiroler Festspiele Erl begründet, selber später die Thierseer Beethoventage ins Leben gerufen und bereist mit dem von ihm gegründeten Orchester, den K&K Philharmonikern, die Welt, im Gepäck Strauß-Walzer. Als Impresario hat er sich mit seinem Unternehmen namens „DaCapo“ ein kleines Musik-Imperium aufgebaut.
Und nun hat er im ukrainischen Lemberg ein eigenes Festival geschaffen, das „Matthias Kendlinger Music Festival Lviv“, das jetzt zum zweiten Male stattfand. Hier in dem pulsierenden, kulturell noch stark von der Donau-Monarchie geprägten Lemberg, heute Lviv, spielten fünf Tage lang in der jugendstiligen Philharmonie und im äußerst prunkvollen Opernhaus, das wie eine kleine Wiener Staatsoper ausschaut, „seine“ Musiker seine eigene Musik.
„Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagte Kendlinger vor dem ersten Konzert, „denn ich habe das Glück, hier so viele Menschen zu haben, die meine Musik ernst nehmen.“ Glück: das ist ernst genommen zu werden. Dazu musste Kendlinger in die Ferne gehen, nach Lemberg, wo ihm die Menschen mit Zuneigung und Freundschaft begegnen.
Kendlingers Musik macht ihn glücklich – aber sie ist nicht glücklich. Obwohl Kendlinger persönlich ein sehr liebenswürdiger Mensch ist. Seine Musik klingt nach Kampf, nach Beschwernis, oft nach Düsternis, ist tragisch verstrickt und marschiert oft im Trauermarsch, und sie klingt oft ein bisschen nach Schostakowitsch. Nie endet sie in triumphalem oder hymnischem Dur, immer verharrt sie in tragischem Moll.
Thematisch greift sie zu den Sternen: „Unser Vater“, das Cello-Orchester Nr. 1 op. 5, behandelt das Vater-Sohn-Verhältnis, die Sinfonische Dichtung op. 2 „Der verlorene Sohn“ nach einer Bildkomposition von Kendlingers Frau Larissa verarbeitet den Wunsch nach Liebe, die Sinfonie Nr. 1 es-Moll op. 4 mit dem Titel „Manipulation“ setzt sich, auch unter Chorbeteiligung, mit der Kraft der Manipulation auseinander, die von der Kraft des Positiven und der Menschlichkeit ausgehebelt werden solle, und die Sinfonie Nr. 3 in es-Moll op.10 besingt – als Weltpremiere – die Menschenrechte. Auch eine Oper mit dem Titel „Der Priester“ hat Kendlinger in Arbeit, in der vier Freunde um den Sinn des Lebens ringen.
Diese Musik von Mattias Kendlinger entwickelt aber bei aller Schwerblütigkeit eine Kraft, die vor allem rhythmisch zündet, befeuert durch den hervorragenden und immer wie entfesselt aufspielenden jungen Pauker, und sie wirkt authentisch, weil sie vor allem – noch? – Bekenntnismusik ist. Die auf allen Pulten hervorragend besetzten „K&K Philharmoniker“, alle aus der Ukraine, spielen mit Kraft und beinahe inbrünstiger Hingabe, der sehr stimmstarke Ukrainian National Choir Lviv unter seinem äußerst temperamentvollen und enthusiastisch entflammten Chorleiter Vasyl Yatsyniak singt sich die Seele aus dem Leib, der hervorragende junge Cellist Boris Andrianov nimmt diese Musik genauso ernst wie der junge französische Pianist François-Xavier Poizat im Klavierkonzert Nr. 1 „Larissa“ op. 7, das durchaus farbenfroh und facettenreich, lebenspreisend und fröhlich klingt. Dirigiert wurden die Konzerte von Taras Lenko, Nikolas Krauze und am Ende auch beachtlich präzise von Maximilian Kendlinger, dem Sohn des Komponisten.
Die „Festfanfare“ ist wirkungsvoll bombastisch-knallig und schöner als so manche Olympia-Fanfaren, in der „Austrian-Ukrainian Symphonie“ Nr. 2 op. 9 wird die Musik sarkastisch, wenn das Scherzo das Diktum „Die Tiroler sind lustig“ musikalisch zer- und damit widerlegt.
Kammermusik gab’s im prächtigen „Wundersaal“ der Oper, darunter frühe Werke für Akkordeon und Streichsextett, lauter Walzer und Polkas im Tiroler Tonfall, von den Musikern mit einem breiten Schmunzeln und Lächeln im Gesicht gespielt und von den Zuhörern mit großer Freude aufgenommen. Diese zahlreichen Zuhörer aus Lemberg empfingen in allen Konzerten alle Musik von Matthias Kendlinger mit Offenheit und Herzlichkeit und antworteten mit Ovationen: Tirol trifft die Ukraine – mitten ins Herz. Und Matthias Kendlinger hat sein Glück gefunden.