Kulturverein im Landkreis

Die Kunst und der Verkehr

von Redaktion

Ausstellung auf Schloss Hartmannsberg widmet sich Straßen, Brücken und Eisenbahngleisen

Bad Endorf – Brenner-Zulaufstrecken, Rosenheimer Westumfahrung, Blockabfertigung – die Region ist vom Verkehr in besonderem Maße betroffen. Passend dazu widmet sich auch die aktuelle Ausstellung des Kulturvereins im Landkreis auf Schloss Hartmannsberg diesem Thema.

Die Schau mit Werken regionaler Künstler – von Dr. Evelyn Frick klug kuratiert – schlägt die Brücke von den archaischen Hirtenwegen der Karstlandschaften Kroatiens („Gatterweg“ 1 bis 4 von Peter Tomschiczek) bis hin zur hochtechnisierten Verkehrsinfrastruktur der Moderne („Olympiabahnhof“ von Gerhard Prokop), von den Werken eines Heinz Kaufmann, der die brutalen Veränderungen im Stadtbild Rosenheims in den 70er-Jahren festhielt, bis hin zu den Installationen von Siglinde Berndt, die die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer thematisiert.

Gerhard Prokop gewinnt in seinen fast fotorealistischen Werken Straßen, Bahngleisen und Bauten ihre ganz eigene Ästhetik ab – es sind Bilder ganz ohne Leben oder gar Menschen – und doch steht der Mensch im Mittelpunkt, hat er doch diese, scheinbar auf ihre reine Funktion reduzierten Bauwerke erst geschaffen.

Ganz anders die Arbeiten von Siglinde Berndt. Die Neubeurer Künstlerin beschäftigt sich in ihrer Installation „ausgebootet I bis IX“ mit dem Flüchtlingsthema. Auf dem Boden eines Raums verteilen sich kleine Boote, aus Packpapier gefertigt und mit Schellack überzogen. Doch es sind Boote, die nicht sicher tragen: Jedes der ohnehin fragilen Fahrzeuge hat einen Reißverschluss in seiner Seitenwand, der Untergang scheint programmiert. Erst beim genauen Hinschauen entdeckt man auf der Innenseite der Boote die Umrisse von Menschen, die sich diesen Nussschalen anvertraut haben – eine ebenso ästhetisch schöne wie bedrückende Aufarbeitung der Katastrophe, die sich im Mittelmeer abspielt. Mit Flüchtlingen beschäftigen sich auch die Bilder „Spektrum II bis VI“. Auf den ersten Blick wirken sie wie eine Farbübung, erst auf den zweiten Blick sieht man, dass es bunte Schiffsrümpfe aus der Vogelperspektive sind und entdeckt die Menschen an Bord.

Schiffe sind auch Thema der Arbeiten von Ute Lechner und Hans Thurner. Rostende Rümpfe, beladen mit Holz oder Steinen, auf tischhohen Gestellen oder in einem „Schiffsturm“, stehen in einem Seitenflügel des Schlosses, von wo sie aufzubrechen scheinen, erstreckt sich der See doch gleich vor den Fenstern.

Humorvolle Seiten kann man dem Thema „Impressstallation“ des Wildenwarters Künstlers Loyy abgewinnen, die sich der alten Staatsstraße 2093 zwischen Frasdorf und Wildenwart widmet – einst laut SPD-Landtagsfraktion die schlimmste Schlaglochpiste Bayerns. Großformatige Detailfotografien von Schlaglöchern, Rissen und bröckelnden Straßenrändern in Schwarzweiß, auf Platten aufgezogen, sind rund und auf einem mit einem Laken verhängten Gestell angebracht. Darum angeordnet rot-blinkende LED-Warnlichter und Plastikferkel, die das Hinterteil in die Höhe recken – unklar, ob sie Trüffel suchen oder den Kopf in den Sand stecken.

Zum Schmunzeln aucheine Sitzgruppe von Rudl Endriß: Er hat alte Verkehrsschilder in Gartenmöbel verwandelt – ein Stopp-Schild dient als Tisch, eine „Umleitung“ und ein „Vorfahrt achten“ als Stühle.Was ersonnen wurde, um den Verkehr schneller zu machen, lädt hier zum Verweilen ein.

Dass Verkehrswege auch zu Orten der Kunst werden können, zeigt eine Zusammenstellung von Kreisverkehrsinseln aus dem Landkreis, die Kunstwerken Platz bieten – fotografiert von Raphael Lichius.

Ergänzt werden diese Werke von Bildern aus dem Besitz des Landkreises und der Städtischen Galerie Rosenheim. Da ist Theodor von Hötzendorff vertreten, ebenso wie Franz Lankes und Paul Roloff, deren Aquarelle Straßen und Autobahnen zeigen, oder Rainer Devens mit einem Bild der Roten Brücke in Wasserburg.

Nur selten ist eines der Bilder Idylle – wie etwa eine Brücke, die auf einem Bild von Eugen Croissant romantisch gleichsam aus Sonnenlicht und Nebel auftaucht. Fast immer sind die Werke in einem bestimmten Sinn politisch, ist der Verkehr doch menschengemacht.

Sinnig ausgewählt ist auch der Ausstellungsort selbst, verlief doch nahe von Hartmannsberg vor knapp 2000 Jahren eine Römerstraße. Fotos in der Ausstellung dokumentieren den Verlauf dieser Autobahn der Antike. So lohnt sich die Fahrt nach Hartmannsberg sowohl der Kunst, aber auch der Lokalhistorie wegen.

Zu sehen noch bis 5. August Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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