Herrenchiemsee Festspiele

Ein Enigma für Enoch

von Redaktion

Osteuropäische symphonische Musik im Spiegelsaal

Chiemsee – „Europa“ ist das übergeordnete Motto der heurigen Herrenchiemsee Festspiele, „Mittel- bis Osteuropa“ wäre das Motto des vierten Abends im Spiegelsaal des Schlosses gewesen: Musik des Tschechen Bedrich Smetana, des Russen Pjotr Tschaikowsky und des Bulgaren Pancho Vladigerov stand auf dem Programm, gespielt von den Sofia Symphonics aus Bulgarien, dirigiert von der bulgarisch-italienischen Ljubka Biagioni. Diese, einst mit Enoch zu Guttenberg verheiratet, sorgte für das hochemotionale Ende: Die Zugabe, ein weihevolles Adagio, die neunte der „Enigma-Variationen“ von Edward Elgar, mit denen dieser jeweils einen seiner Freunde charakterisierte, widmete sie dem verstorbenen Enoch zu Guttenberg: ein Enigma für Enoch.

Begonnen hatte es mit Smetanas „Moldau“. Die quoll murmelnd und floss, strudelte und wogte, strömte und rauschte höchst lebendig und rhythmisch bewegt, schillerte im Morgennebel, donnerte mit den Stromschnellen und triumphierte am Ende majestätisch: Ljubka Biagioni ließ es da richtig krachen.

Die Musik von Pancho Vladigerov (1899 bis 1978), einst Kompositions-Student in Berlin, dann Professor an der Staatlichen Akademie für Musik in Sofia, die jetzt nach ihm benannt ist, kennt man hierzulande kaum, auch nicht sein Klavierkonzert Nr. 3. Es beginnt mit einem elegisch getönten Thema, begleitet von einem tänzerisch-beschwingten Seitenthema, und hört mit einer rasanten Stretta auf. Es ist farbige, funkelnde und wirkungsvolle Musik, die bisweilen glitzert wie Musik von Gershwin, dann schwelgt wie Musik von Rachmaninow. Der junge Pianist Georgii Cherkin hielt sich etwas (zu) demütig zurück, hätte ruhig virtuos mehr auftrumpfen können, die Musik gäbe es her.

In tiefsinniger, doch leis brodelnder Ruhe begann Ljubka Biagioni die 5. Symphonie von Tschaikowsky, es gelang ihr eine tief wühlende und aufwühlende Interpretation, das Schicksalsthema wurde gnadenlos scharf von den Trompeten geschmettert, träumerisch-traurig sang das Horn im zweiten Satz, der Walzer war wiegend trotz der rhythmischen Vertracktheiten und alles wuchs sich am Ende zu einem tragischen Triumphmarsch aus. Frau Biagioni umarmte dirigierend ihre Musiker und am liebsten das ganze Publikum mit weichen Gesten, es gelang ihr, ihre Gefühle und die emotionale Tiefe dieser Musik unmittelbar auf die Zuhörer zu übertragen. Die Musiker dankten es ihr mit rückhaltloser Hingabe und die Zuhörer mit Ovationen und Bravo-Rufen.

Wie war’s?

„Ich bin zum ersten Mal hier für drei Konzerte, die Atmosphäre hier ist ganz Ludwig II.! Die drei verschiedenen Stücke haben mich alle begeistert. Begeistert war ich auch von der Dirigentin, weil sie so eine weiche, emotionale Interpretation bringt. Das erste Stück, die Moldau, kennt natürlich jeder, das zweite war ganz neu für mich, aber sehr, sehr begeisternd, das dritte, die Tschaikowsky-Symphonie, von der Schwermut bis zum Ballett, hat mich unheimlich berührt, ich hatte wirklich Gänsehaut. Und am Schluss war ich sehr berührt von der seelenverwandten Dame, die jetzt ihren früheren Partner verloren hat. Und ich hoffe, dass es weitergeht hier.“

Dr. Friederike Burkhardt Nürnberg

Interview/Foto Janka

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