Halfing/Amerang – Wenn der ägyptische Heerführer Radames der entführten äthiopischen Königstochter Aida auf Schloss Amerang seine Liebe erklärt, werden die Zuschauer mit einem Bühnenbild von Hendrik Müller in die Welt von Verdis Oper versetzt. Dabei muss sich der Grafiker, Maler und Bühnenbildner besonderen Dimensionen stellen, denn die Ameranger Bühne ist zwölf Meter hoch und nur sieben Meter breit. Wir trafen Hendrik Müller vor der Premiere in seinem Atelier in Wölkham bei Halfing.
„Es ist eine schöne Herausforderung, bei diesen extremen Maßen Perspektive zu erzeugen und dabei, wenn es zum Thema passt, auch die Architektur des Schlosses links und rechts mit einzubeziehen“, sagt Müller. „Fehler passieren meistens, wenn man keinen Spaß an der Sache hat“, meint er weise.
Bereits 1977 hat sich der 1949 im sächsischen Oberwiesenthal geborene und mit sieben Jahren nach Bayern gekommene Hendrik Müller mit einem Werbegrafik-Büro bei Haag und später am Samerberg selbstständig gemacht. Zum anfangs eher lokalen Kundenstamm kamen bald namhafte Auftraggeber.
Für Schloss Amerang hat er seit 1995 die gesamte grafische Gestaltung übernommen, etwa Plakate und das Programmheft. Und jetzt, bereits im vierten Jahr, die Bühnenbilder für die Opernfestspiele Schloss Amerang. „Aida“ ist das zehnte Opernbühnenbild, das Hendrik Müller in enger Abstimmung mit Intendant Ingo Kolonerics und Schlossherr Ortholf von Crailsheim für den Renaissance-Arkaden-Innenhof entwirft. Von „Tosca“ über „Die Zauberflöte“ bis zum „Barbier von Sevilla“ hat er sich schon in sämtliche Opernszenarien vertieft.
Liebt er denn selbst die Oper? „Als ich 20 Jahre alt war, wurde ich erstmals nach München in die Oper eingeladen. Ausgerechnet zum schweren Macbeth. Ich bin eher aus Höflichkeit denn aus Begeisterung mitgegangen, aber von da an war ich gepackt.“
Jahrzehnte später schnupperte er erstmals im Chiemgau mehr Opernluft, als er zusammen mit der Malerin Ekaterina Zacharova für Gut Immling in den Anfangsjahren die Bühnenbilder für „Die Zauberflöte“, „La Bohème“, „Butterfly“ und „Der Freischütz“ entwarf und handwerklich umsetzte.
Das Gesamtkunstwerk Oper passt perfekt zu den Talenten und Fertigkeiten von Hendrik Müller. Als junger Mann hat er Dekorateur bei Oberpollinger in Rosenheim gelernt, dann Siebdrucker in einer Keramikwerkstatt, und später arbeitete er in der Dietz Offizin Siebdruckerei in Soyen. „Dort wurden damals schon weltberühmte Gemälde mit dreidimensionalem Farbauftrag reproduziert und ich hatte Gelegenheit Künstler wie Friedensreich Hundertwasser, Arik Brauer, Rudolf Hausner, Vertreter der Wiener Schule des Fantastischen Realismus, kennenzulernen, für die wir verschiedene Grafiken gedruckt haben. Diese Zeit hat mich nachhaltig geprägt.“
Heute kommt die Digitalisierung der Reproduktion zugute: „Das von mir farbig gemalte Bühnenbild, meist im Din-A4-Format, wird hochauflösend eingescannt – ein dünner Bleistiftstrich wird in der Originalgröße schließlich drei Zentimeter stark. Manche Bilder werden nach zahlreichen Handskizzen mit Hilfe eines 3D-Computerprogramms konstruiert. Den Druck übernimmt dann eine Druckerei in der Stuttgarter Gegend, die bis zu fünf Meter Breite in einem Stück drucken kann“, erzählt der Gestalter.
Das Motiv wird in zwei Teilen auf ein spezielles Gewebe gedruckt, zusammengenäht und auf großen Rollen per Spedition geliefert. „Die Rolle hat ein Gewicht von 30 bis 40 Kilogramm. Es gibt oben und unten einen Hohlsaum, in den Aluminiumschienen eingelassen sind. Zwei Arbeiter oben im Dachboden ziehen die 84 Quadratmeter große Leinwand mit Seilwinden hoch. Ortholf von Crailsheim und ich stehen nur unten und geben Anweisungen“, schmunzelt Hendrik Müller. „Am Anfang war das etwas schwierig. Jetzt haben wir schon eine gute Routine, sodass die Montage nach einer Stunde beendet ist.“
Aber das Montieren ist doch so aufwendig, dass während der Oper keine Prospektwechsel möglich sind. Das wird mit Licht ausgeglichen, das auch Tag- und Nachtstimmungen erzeugen kann. Daher muss das Bühnenbild auch Allgemeingültigkeit für den ganzen Verlauf der Oper haben. So spielt sich „Rigoletto“ auf der Piazza von Mantua ab; bei „Carmen“ hat Müller das Dorf einfach in die Arena gesetzt und die Schmugglerschlucht in einer Collage angedeutet; bei „Traviata“ hat er als Kulisse einen Ballsaal geschaffen und schwarze Figurinen auf der Rückseite hinterleuchten lassen, um weitere Gäste anzudeuten.
Was erwartet das Publikum nun bei „Aida“? „Regisseur Ingo Kolonerics hat Gelb-Braun-Töne vorgegeben, um die Wüste anzudeuten, dazu Blau als Komplementärfarbe. Die Klischees Pyramiden und Palmen müssen natürlich vorkommen, aber nur im Hintergrund. Dazu kommt noch ein roter Vorhang, um die edlen Veranstaltungen im Königspalast zu symbolisieren. In den Säulen gibt es Hieroglyphen und darüber thront das Auge des Lichtgottes Horus.“ Die magische Wirkung all dieser Elemente wird sich am 4. und 5. August auf der Bühne von Schloss Amerang entfalten.