Herrenchiemsee-Festspiele

Lieder von Liebe, Krieg und Tod

von Redaktion

Ein Abend mit Brahms mit der Chorgemeinschaft Neubeuern

Chiemsee – „Vineta“ hieß, nach dem ersten Chorlied, der sechste Abend der Herrenchiemsee-Festspiele im Spiegelsaal. Diesen speziellen Liederabend mit Chor- und Solo-Liedern und Klaviermusik von Johannes Brahms wurde einst von Klaus Jörg Schönmetzler zusammen mit Enoch zu Guttenberg konzipiert. Jetzt sind beide tot.

Der geschäftsführende Festspiel-Programmdirektor Josef Kröner rief am Konzertbeginn zu einer Schweigeminute im Gedenken an Enoch zu Guttenberg auf. Diese Gedenkminute wuchs sich im Verlauf des Abends immer mehr zu einer Gedenkstunde aus. Am Ende, nachdem der Chor viel von Kirchhof und Grab gesungen hatte und nachdem vor allem der Chor herzlichst und lange gefeiert wurde, flossen einige Tränen bei den Chormitgliedern. Dieser Abend war auch ein Requiem für „ihren“ Enoch.

Schönmetzler hatte aus den über 300 Liedern von Brahms solche ausgewählt, die eine Geschichte erzählen, in Schönmetzlers Worten so: Ein Jüngling trifft ein Mädchen, liebt es und verlässt es. Der Jüngling geht im Krieg zugrunde. Worauf das Mädchen sich ertränkt. So tragen vor allem ein Sopran und ein Bariton diese tragische Liebesgeschichte vor, umrahmt und begleitet von Chorliedern, ergänzt durch Klavierballaden und -Intermezzi.

Dass Karl Prokopetz hier dirigierte, war ein Glücksfall: Er kennt den Chor als ehemaliger Chorsänger und Assistent von Enoch zu Guttenberg. Mit emphatischer Gestik brachte er die Neubeurer Chorgemeinschaft zum Erzählen, zum Mitleiden und zum Trauern, brachte den Chorklang zum warmen und tief empfindenden Leuchten, zu einem satten Forte und einem leise glühenden Piano – als ob es nichts Schöneres als Brahms-Sextakkorde gäbe. Zärtlich-erotisch getönt war „Erlaube mir, feins Mädchen“, innig-liebesversunken und doch liebesverlassen „Da unten im Tale“, der Männerchor gestaltete das „Marschieren“ als unheimlichen in Moll getauchten Marsch in den Tod, der dann in unerbittlich schneidendem Dreiertakt daherkam als „Schnitter Tod“. Und die Frauen senkten wahrhaft ihr schönes Herz in Tränen hinab in „Und gehst Du überm Kirchhof“.

Die Solisten trafen mittendrin den Brahms’schen heiteren Ton – soweit Brahms heiter sein kann. Besonders die Sopranistin Carolina Ullrich sang überschwänglich mädchenhaft bis liebestodsüchtig. Dafür enttäuschte der Bariton Dietrich Henschel mit manieriert-gaumiger Vokalgestaltung und Körperverdrehungen.

Aber schwärmerisch schön war das Solo-Quartett (mit zusätzlich der Altistin Franziska Rabl und dem metallen-hellen Tenor von Martin Platz) „O schöne Nacht“, da hörte man im Klavier leise Glockenschläge.

Am Klavier saß Anna Gourari und bot Wunder an dunkel-glühenden Klangfarben, schmeichelnden und schmiegsamen Klavierbegleitungen und zarten Kostbarkeiten, alles dabei herrlich sehnig strukturiert und eben nicht verschwimmend. Die Zuhörer im vollen Spiegelsaal hörten lange konzentriert zu und applaudierten sehr lange und mitfühlend herzlich. Auch Trauer kann schön sein.

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