Herrenchiemsee-Festspiele

Mehr als ein Ersatz

von Redaktion

Die Geigerin Rebekka Hartmann begeisterte im Schloss Herrenchiemsee

Chiemsee – Sie war „nur“ ein Ersatz – aber was heißt da „nur“: Rebekka Hartmann war mehr als ein Ersatz – sie war die Idealbesetzung. Bei den Proben zu dem achten Konzert der Herrenchiemsee Festspiele mit Violinkonzerten aus dem 18. Jahrhundert erkrankte der eigentlich vorgesehene italienische Geiger Giuliano Carmignola und musste absagen. Rebekka Hartmann sprang ein: statt italienisch-temperamentvoller Eleganz ein vulkanisches Naturereignis.

Mit unbändiger Spielfreude stürzte die Geigerin mit ihrer Stradivari sich in die Violinkonzerte von Giuseppe Tartini (A-Dur D96) und Johann Sebastian Bach (E-Dur BWV 1042). Letzteres wurde eingetauscht gegen das ursprünglich vorgesehene Konzert von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel. Rebekka Hartmann heizte die Orchestermusiker der „Klangverwaltung“ richtiggehend an mit aufmunternd-einverständnisinnigen Blicken und mit Körperzuwendungen, überhaupt spielte sie mit vollem Körpereinsatz, schraubte ihren Körper zusammen und war dann wie ein Panther sprungbereit für Überraschungs-Phrasierungs-Kunststückchen. Immer gab sie vollen Ton, auch in den Spiccati und auch in den virtuos-vertracktesten Passagen. Gerade bei Tartini hatte Rebekka Hartmann durchaus etwas Teufelsgeigerisches an sich.

Mit vollem Schwung und fast jazzigem Drive begann sie auch das Bach-Violinkonzert, der anfangs aufschießende Dreiklang hörte sich wie eine Fest-Fanfare an, immer blutvoll-üppig ist ihr Ton und im Piano glänzte sie mit schimmerndem Goldbronze-Ton. Wie ein nervöses Rennpferd, das ständig unter Strom steht, galoppierte sie durch den Finalsatz und gewann das Publikum im Sturm, so dass dieses ungestüm eine Zugabe forderte: die Sarabande aus Bachs d-Moll-Partita, wo Hartmann jetzt ihr ganzes Temperament in hochkonzentriert-spannungsvolle Ruhe bündelte.

Giuliano Carmignola hätte auch dirigieren sollen – dies übernahm nun Andreas Reiner, der Konzertmeister der „Klangverwaltung“, vom Pult aus. Rhythmisch beschwingte und brausend-fröhliche Musik war die Sinfonia für Flöten, Hörner, Streicher und Basso continuo von Johann Adolf Hasse, den man eigentlich mehr als überaus fruchtbaren Opernkomponisten kennt, mit Geigen-Trillern, die wie weiße Wölkchen am blauen Barockhimmel schweben.

Bei der abschließenden g-Moll-Symphonie KV650 von Mozart setzte sich Rebekka Hartmann selbstverständlich-bescheiden in die zweite Geigenreihe und spielte Tutti-Geige. Diese Symphonie stürmte los, als wenn Mozart hier den Sturm und Drang musikalisch illustrieren wollte mit ständigem Rumoren, mit unerbittlicher Vehemenz und mit deutlicher Transformation des eigentlich grazilen Menuetts in ein „mürrisches Charakterstück mit einer kontrapunktischen Zahnradkonstruktion“ (so der Musikwissenschaftler Dietmar Holland), weil Mozart hier den Dreiertakt synkopisch überlagert. Mit ingrimmiger Spiellust zeigten die Musiker der „Klangverwaltung“, wie Mozart hier in neue ästhetische Sphären vorstößt.

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