Immling-Festival

„Warum muss ich hassen, wenn ich lieben könnte?“

von Redaktion

Lesung von Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg auf Gut Immling

Halfing – Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg zwischen dem bayerischen Maler Colombo Max (1877 bis 1970) und seiner Frau Paula standen im Mittelpunkt einer Lesung im Rahmen der Festspiele auf Gut Immling. Der Urgroßvater der Musiktheaterregisseurin Verena von Kerssenbrock, die auch die Briefe von Paula las, wurde 1914 als Unteroffizier eingezogen. Aus den mehr als 1000 Feldpostbriefen, die sich das Paar während des Krieges schrieb, präsentierte Kerssenbrock zusammen mit dem Schauspieler Christian Wolff eine repräsentative Auswahl. Für die musikalische Umrahmung sorgte Oboist George Kobulashvili.

Am 15. August 1914, wenige Tage nach Kriegsausbruch, schreibt Colombo seiner Frau aus München nach Ammerland am Starnberger See: „Wie Du siehst, bin ich noch nicht fort.“ Warum ihr Mann eingezogen werden muss, „alles zu verlassen und zum Raufen zu gehen“, versteht sie nicht: „Sind die Menschen noch nicht reif und gebildet genug, um sich so blutig wie Buben oder Raufbolde zu schlagen?“

Von Ingolstadt kommt Colombo Max im Oktober 1914 an die Westfront. Zunächst versorgt er die Infanterie mit Munition, später ist er verantwortlich für die Verpflegung der Soldaten. Zu Weihnachten 1914 erhält Colombo von seinem Sohn Tommy ein Bild von einem Weihnachtsbaum, seine Frau sendet ihm getrocknete Pflaumen und Schokolade: „Ich schicke mein Herz in dem Kästchen mit!“

An der Front führt Colombo in den Gräben ein Maulwurfsleben. Er ist sich sicher: „Wenn keine Offiziere wären, würde der Krieg bald einschlafen.“ Im April 1915 schreibt er von Totenkreuzen, die wie Blumen in den Himmel wachsen: „Beim Anblick von Verwundeten, Leichen und all dem Zerstörten habe ich immer nur ein mächtiges Gefühl der Scham.“ Colombo sehnt sich nach Frieden, fragt sich: „Warum muss ich hassen, wenn ich lieben könnte?“

Kerssenbrock und Wolff lasen die Briefe, zwischen denen immer wieder mal traurig-dissonante, mal hoffnungsfrohe Oboenmusik erklang, mit viel Gespür für die Stimmungslage des Paares. Manche Textstellen über Colombos Seelenzustand wirkten allerdings allzu milde und abgeklärt.

Kerssenbrock sprach besonders die Schilderung der revolutionären Ereignisse in München mit spürbarer Betroffenheit, die dem Geschehen Authentizität verlieh und den Hörer bannte. Passend ausgewählt war das historische Bildmaterial, darunter gemalte und gezeichnete Kriegseindrücke von Colombo. Die zahlreichen Besucher spendeten der ergreifenden, im ersten Teil etwas lang geratenen Lesung verdienten und anhaltenden Applaus. fü

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