Ausstellung im Rathaus, im Ganserhaus und im Museum Wasserburg

Zwischen Ironie und ernsten Tönen

von Redaktion

Zeitgenössische Kunst in großer Vielfalt zeigt in den nächsten vier Wochen die „Große Kunstausstellung“ des Arbeitskreises 68. Geboten wird den Kunstinteressierten ein bemerkenswerter Querschnitt unterschiedlichster Positionen, Techniken und Arbeitsweisen von Künstlern aus ganz Deutschland.

Wasserburg – Vor dem Wasserburger Rathaus wehen die Banner des Kunstvereins. Am Platz davor steht eine markante Skulptur – die wuchtige Granitarbeit „Besitzen“ von Rudl Endriß. Die 51. Jahresausstellung der Wasserburger Künstlergemeinschaft, die im Herbst ihr 50-jähriges Bestehen feiern wird, ist nicht zu übersehen. 181 Kunstschaffende hatten sich mit bis zu fünf Arbeiten beworben. Die vom Kunstverein gewählte Jury hat dann 145 Werke von 45 Künstlern und 34 Künstlerinnen ausgesucht. Diese sind jetzt noch bis Ende August im Rathaus und in der Galerie im Ganserhaus zu sehen. Die Arbeiten der Jurymitglieder Behar Heinemann, Manuel Michaelis, Andreas Pytlik, Max Windholz und C. A. Wasserburger werden im Museum Wasserburg gezeigt.

Überschattet wird die Ausstellung durch den Tod von C.A. Wasserburger, der wenige Tage vor der Eröffnung im Alter von 77 Jahren in München starb. C.A. Wasserburger wie sich Alexander Hatzl seit 1974 nannte, war nicht nur Gründungsmitglied des AK68. Er initiierte auch gemeinsam mit Boidl Wagenstetter die erste „Große Kunstausstellung“ im November 1968.

Im Rathausfoyer empfängt eine lebensgroße Skulptur des Bildhauers Thomas Hans die Besucher. Die ausdrucksvolle Stahlblechfigur mit dem Titel „Samstag Nacht“ weckt Assoziationen an die Rave-Kultur und eine durchtanzte Nacht, an deren Ende die totale physische und mentale Erschöpfung steht. Hans erhält 2018 auch den Preis „Junge Kunst“, mit dem ein Preisgeld von 500 Euro verbunden ist.

Insgesamt sind skulpturale Arbeiten mit 16 Werken gut vertreten. Andreas Fischer nimmt mit seiner Converter-Maschine die Barrieren zwischen realer Natur und virtueller Cyber-Welt aufs Korn. Gabriele Granzer-Graf sorgt mit ihrer vorwitzigen Installation „Einszweidrei“, drei rosaroten phallusartigen Gebilden, die sich dem Betrachter aus einer künstlichen Blumenwiese entgegenstrecken, für Diskussionsstoff. Ob der ironische Beitrag die zeitweise überhitzte „Me-too-Debatte“ weiter befeuern wird, bleibt abzuwarten.

Der Trend zu einer künstlerisch unterhaltsamen Ironie setzt sich auch in vielen Bildern fort. Vom Rosenheimer Maler Hanns Thäle stammt das Ölbild „Leo II Sale“. Es zeigt einen zum Verkauf offerierten, abgewrackten Leopard-II-Panzer, dessen Gefechtsbereitschaft durch ein krumm gebogenes Geschützrohr nicht mehr gegeben ist. Wie schön wäre es doch, wenn die Welt kein Kriegsgerät mehr bräuchte. Nicht weniger doppeldeutig ist der Eindruck, den „Salome II“ von Eva Lucie Triftshäuser hinterlässt. Die christlich-mythologische Frauengestalt gilt als Schönheitsideal und Sinnbild weiblicher Grausamkeit zugleich. Im Gemälde der Ottobrunner Malerin wirkt Salome nebst ihren Begleiterinnen verlebt und aufgedunsen. In der Schale vor ihnen liegt auch nicht, wie im symbolistischen Salome-Motiv sonst üblich, der abgeschlagene Kopf von Johannes dem Täufer, sondern der Schädel eines Keilers. Im Bild „Schach im Raum“ von Walter Voss wird die Fassade des Ganserhauses transparent. Die filigrane Zeichnung des Wasserburger Architekten und Zeichners gibt eine ungewohnte Einsicht in die Gebäudeanatomie des mittelalterlichen Handwerkerhauses, der heutigen Galerie. Trotz der akribisch-realistischen Darstellung fühlt man sich an die perspektivischen Paradoxien des niederländischen Grafikers M. C. Escher erinnert. „Wasserburg klebt“ hat der erst 18-jährige Künstler David Maas seine allererste Einreichung betitelt, deren kreative Ausführung auch prompt die Jury überzeugte. Auf weißem Hintergrund hat Maas mit braunem Paketband die Silhouette der Wasserburger Jakobskirche geklebt. Die Büsche davor wachsen dreidimensional aus der Fläche heraus, ebenfalls mit zerknülltem Klebeband gestaltet.

Dabei spannt die Ausstellung gekonnt den Bogen zwischen Ironie und ernsten Tönen, und das nicht nur aufgrund des Todes eines ihrer Juroren. C.A. Wasserburgers „Bleigrau“, zwei großformatige, monochrom gehaltene Acrylarbeiten, vermittelt jetzt umso mehr eine Grundstimmung von Traurigkeit. Die achtteilige Installation „Seelen“ von Tochter Silvia Hatzl wiederum regt zum Diskurs an, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gibt und wenn ja, wie es wohl aussehen mag.

Beklemmungsgefühle stellen sich beim Betrachten der Fotoarbeiten von Behar Heinemann ein. Die aus Prizren im Kosovo stammende Künstlerin thematisiert in ihrer Fotoserie „Zellen in der Hölle der Todeslager“ und „Gefrorene Seelen – Machtlos ausgeliefert“ die Abgründe politischer Terrorsysteme. Auch soziokulturelle Phänomene wie die Diskrepanz zwischen Vollverschleierung und westlicher Wertegesellschaft werden im Stoffbild „Three Steps Forward“ von Brigitte Eußner aufgegriffen.

Unter den Aspekten Qualität und Einfallsreichtum jedenfalls knüpft auch die 51. „Große Kunstausstellung“ an ihre Vorgänger in den vergangenen Jahren an. Sie lädt ein zur gesellschaftspolitischen Diskussion und macht neugierig auf das, was der AK68 mit den beiden nächsten Ausstellungen „Startups“ und „Identität der Stadt“ im Jubiläumsjahr bringen wird.

Zu sehen sind die Werke noch bis 26. August, täglich von 10 bis 18 Uhr im Rathaus und in der Galerie im Ganserhaus in Wasserburg, im Museum Wasserburg jeweils von Dienstag bis Sonntag, 13 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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