Aschau – Ohne die Kammermusik wäre das Musikleben ein Irrtum. Es sind die kleineren Gattungen, die das kreative Experiment anregen. Durch die kleine Kammer hat sich die große Musikgeschichte entwickelt. Gleichzeitig schult erst das Spiel in kleiner Besetzung den musikalischen Teamgeist und die Stimmhygiene. Das wissen große Dirigenten wie Claudio Abbado, Bernard Haitink oder Mariss Jansons.
Beim Aschauer Festivo gab es nun einen Kammerabend, der diesen Namen ganz und gar verdient. Im schmucken Preysingsaal von Schloss Hohenaschau wurde das singuläre Profil der Kammermusik beispielhaft gelebt. Es war schon allein eine Freude, zu beobachten, wie sich Gordan Nikolic und Zen Hu (Violinen), Festivo-Leiter Johannes Erkes (Bratsche) sowie Celine Flamen (Cello) und Anette Zahn (Kontrabass) die musikalischen Bälle zuspielten.
Das war ein partnerschaftliches Musizieren auf Augenhöhe. Weit entfernt wirkte die Zeit, als selbst in der Kammermusik alles auf die erste Geige fokussiert war. Mit diesem geradezu kläglichen Musiziererbe aus dem tiefsten 20. Jahrhundert wurde bei Festivo einmal mehr radikal gebrochen. Bei dem Kammermusik-Festival in Aschau wird eben nicht interpretatorisch die „gute alte Zeit“ kultiviert und zementiert.
Zugleich standen Streichquintette von Luigi Boccherini, Antonín Dvorák und George Onslow auf dem Programm, die den ungeheuren Pioniergeist der Kammermusik voll und ganz unterstreichen. Noch dazu waren es selten gespielte, kostbare Raritäten, denn: Bei diesen Werken ist auch ein Kontrabass vorgeschrieben. Aus dieser ungewöhnlichen Quintett-Besetzung erwächst ein unverwechselbarer Klangcharakter, einerseits abgedunkelt und andererseits orchestraler in der Wirkung.
Durch diese Besetzung konnte schon Boccherini in seinem Streichquintett op. 39 Nr. 1 von 1787 das Cello weitaus konsequenter von der reinen Bass-Begleitung befreien. Mit dem besonderen, verdüsterten Klang spielt Onslow, um 1843/44 in seinem Streichquintett Nr. 26 op. 67 ein geradezu romantisches Kolorit zu zeichnen. Als „französischer Beethoven“ wurde Onslow zeitlebens gefeiert.
Wegen der französischen Revolution musste er seine Heimat verlassen, um fortan in London und Hamburg zu leben. Weil sich die spezielle Besetzung mit Kontrabass schlechter verkaufte, hat Onslow von seinem Kontrabass-Streichquintett auch eine Fassung mit zwei Celli angefertigt. Auch Dvoráks Streichquintett op. 77 von 1875 konnte sich wegen der Besetzung nur schwer durchsetzen.
Dabei experimentiert Dvorák in dem Werk mit geradezu kühnen sinfonischen Wirkungen. In der Durchführung des Kopfsatzes wird das lyrische Hauptthema breit ausgekostet. Gleich darauf kulminiert der Satz mit einem Fortissimo, das alle Themen vereint. Genau diesen Effekt hat Anton Bruckner in seinen Sinfonien erprobt. Mit hellhöriger Intensität haben die fünf Musiker bei Festivo diese besondere Handschrift wirkungsvoll verlebendigt.
Das Terzett op. 74 von Dvorák aus dem Jahr 1887 rundete den Abend ab. Zwei Violinen und Bratsche statt Geige, Viola und Cello: Auch hier spielt Dvorák mit einer ungewöhnlichen Besetzung, ohne auf die Folklore aus seiner böhmischen Heimat zu verzichten. Bei Festivo war ein frisches Musizieren an der Stuhlkante zu erleben, fernab von gesättigter Routine.