Kufsteiner Operettensommer

Ganz andere Flüchtlinge in Kufstein

von Redaktion

Das Musical „Anatevka“ in einer routinierten Inszenierung in der Festungsarena

Kufstein – Man hätte mehr aus „Anatevka“ machen können, als ein schmissiges, gut gespieltes, gut gesungenes, routiniert inszeniertes Musical. Aber der Kufsteiner Operettensommer ist nicht dazu da, aktuell zu hinterfragen. Man will im schönen Ambiente der Festungsarena gut unterhalten. Mögliche Bezüge der Geschichte des Milchmanns Tewje, der mit seiner Familie und allen anderen Juden schließlich aus Anatevka vertrieben und zum Flüchtling wird, zur aktuellen politischen Situation muss der Zuschauer schon selber herstellen. Regisseur Diethmar Straßer lässt die jüdischen Bewohner des russischen Städtchens immerhin schon auf gepackten Koffern sitzen. Diese stehen von Anfang an wahllos auf der Bühne, dienen während des Spiels als Sitzgelegenheiten und weisen auf das Ende hin.

Lust und Verlust, die Facetten des Lebens, symbolisiert der Fiedler auf dem Dach (mit einfühlsamem Geigenspiel Ovidiu Rusu), der aufpassen muss, dass er nicht herunterfällt. Er gab dem Musical „Fiddler on the Roof“ von Jerry Bock, das 1964 am Broadway in New York uraufgeführt und zu einem der erfolgreichsten Musicals wurde, den Originaltitel. Das Buch schrieb Joseph Stein basierend auf den Geschichten „Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem. Die Liedtexte stammen von Sheldon Harnick.

„Anatevka“ ist, so wie „Sound of Music“ die Geschichte um die Trapp-Familie, die 2016 in Kufstein zu sehen war, kein harmloses Musical. Beiden gemeinsam ist der schmale Grat zwischen Spaß und tödlichem Ernst sowie die Verflechtung von privater Geschichte und politischem Hintergrund. Zu Anfang vergnügt sich der Zuschauer bei einer herrlich-witzigen Komödie. Doch der Ernst des Lebens zerstört die scheinbare Idylle. „Ohne Tradition wäre das Leben so unsicher, wie ein Fiedler auf dem Dach“, sagt Tewje, aber die Tradition hilft nicht weiter. Die Welt ist im Umbruch. Sie bricht in das Leben „Anatevkas“ herein. Schon Tewjes drei älteste seiner fünf Töchter halten sich nicht an die Tradition. Sie wollen sich nicht von der Heiratsvermittlerin Jente (Gabriele Dossi) an den Mann bringen lassen. Tewje, der arme Milchmann, bewältigt die Situation aber auf die beste Weise: mit Witz, Güte und Menschlichkeit.

Gerald Pichowetz, im vergangenen Jahr Regisseur beim „Zigeunerbaron“ in Kufstein, ist ein Tewje, so wie man ihn sich vorstellt: füllig, mit Vollbart, Schalk in den Augen und mit einer voll tönenden Stimme, wenn er sich im berühmten Lied wünscht, einmal reich zu sein. Dabei ist Pichowetz eigentlich nur gelernter Schauspieler. Ihm zur Seite als seine Frau Golde steht die Mama vom TV-„Bergdoktor“ und der Star der 80er-Jahre der Münchner Kammerspiele, Monika Baumgartner. Sie ist nach ihrem Auftritt im „Zigeunerbaron“ als Kaiserin Maria Theresia im vergangenen Jahr wieder in Kufstein dabei. Heuer muss sie zudem singen, und auch sie kann es, wenn auch nicht so tragend. Vor allen Dingen können beide schauspielern, und das tut dem textreichen Musical sehr gut. Monika Baumgartner verkörpert dabei für sie und das Stück ganz passend nicht die herzlich überströmende Mama, sondern mehr die nüchterne Frau mit ihrer eigenen Art von Widerborstigkeit und herbem Charme.

Hanna Kastner als Tochter Zeitel und Wolfgang Resch als ihr schüchterner, armer Schneider Mottel, dem sie den alten reichen Metzger Lazar Wolf (routiniert Josef Forstner) vorzieht, geben ein munteres verliebtes Paar ab, das gut spielt und singt. Bei Maria Ladurner als zweiter Tochter Hodel und Georg Klimbacher als aufbegehrendem Revolutionär Perchik, dem sie schließlich nach Sibirien in die Verbannung folgt, merkte man an, dass sie mehr im Gesangsfach als in der Schauspielerei zu Hause sind. Valerie Luksch spielte und sang ganz frisch die dritte Tochter Chava, die den größten Traditionsbruch begeht und sich in den Russen Fedja (Pau Graf) verliebt.

Selbst das verzeiht am Schluss der Gutmensch Tewje. Er hadert und streitet mit Gott und kommt dann doch immer wieder zur Einsicht, dass Liebe und Menschlichkeit wichtiger sind als die Tradition.

Die gesamte Inszenierung war überaus lebendig und gelungen. Auch die übrigen Rollen waren ansprechend besetzt. Georg Anker als russischer Wachtmeister, der die Juden auf behördlichen Befehl und nicht aus persönlichem Fremdenhass aus Anatevka vertreiben muss, und Herbert Oberhofer als Rabbi reihten sich als versierte Amateurkräfte vom Stadttheater Kufstein bestens in die Reihen der professionellen Akteure ein, von denen viele bei der Wiener Volksoper engagiert sind. Mit in der Schar der zahlreichen Mitwirkenden waren Mitglieder des Wiener Volksopernchors. Das Europaballett St. Pölten verstärkte das Musicalflair mit folkloristischen Tanzeinlagen. Frisch, feurig, aber auch melancholisch und verlässlich gut spielte das Orchester der rumänischen Staatsoper aus Timisoara (Temeswar), unter der sicheren Leitung von Gerrit Prießnitz.

Das Publikum hatte Anatevka und seine Menschen, die alle zu Flüchtlingen werden, in das Herz geschlossen, sodass es begeisterten Premierenapplaus gab. Geflüchtet sind sie übrigens damals 1905, nach Amerika.

Weitere Vorstellungen sind freitags, 10. und 17. August, um 20 Uhr, samstags, 11. und 18. August, um 19 Uhr, sowie am Sonntag, 12. August, und Mittwoch, 15. August, um 17 Uhr. Karten gibt es über München-Ticket, Telefon 089/ 54818181, und Berr-Reisen, Telefon 08031/12160, www.operettensommer.com.

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