Aschau – Was sich Nachwuchsförderung nennt, entpuppt sich allzu häufig als skrupellose Ausbeutung. Manche Festivals und Konzertreihen nutzen junge Talente, um mit ihnen kostengünstig Programme zu realisieren. Der Nachwuchs wird serienmäßig zur Billigware degradiert. Und die Jungtalente? Sie freuen sich, überhaupt ein Podium zu bekommen und damit eine Chance, denn: Immer mehr Musikstudenten streben auf einen insgesamt schrumpfenden Markt.
Starkes Zeichen
gegen Ausbeutung
Für die jungen Musiker sind die Arbeitsbedingungen teilweise schlicht unmenschlich, ohne dass die Politik irgendetwas dagegen unternehmen würde. Der Rechtsstaat versagt hier kläglich. Auch in der Region gibt es leider unrühmliche Beispiele für diese Art von Missbrauch. Man muss diese Praxis im Musikleben klar und deutlich als das benennen, was sie ist: eine moderne Form der Sklaverei. Bei Festivo wird ein starkes Zeichen dagegen gesetzt.
Das Aschauer Kammermusik-Festival nimmt Nachwuchsförderung ernst. Für diese Haltung steht auch die jüngste Initiative, nämlich die Festivo Festival Strings. Dahinter verbirgt sich ein Streichorchester, das sich aus Musikstudenten zusammensetzt. Sie kommen in den Chiemgau, um von den Festivo-Profis angeleitet zu werden. Am Ende präsentieren sich die „Youngsters“ gemeinsam mit den Profi-Musikern, um das große Festivo-Finale zu bestreiten.
Mit diesem Konzept wird der Nachwuchs fit gemacht für den Orchester- und Konzertalltag. Die tragenden Säulen für diese beispielhafte Betreuung sind die wunderbare Geigerin Muriel Cantoreggi und Festivo-Leiter Johannes Erkes an der Bratsche. Beim diesjährigen Projekt hat außerdem der Cellist Floris Mijnders mit den Musikstudenten gearbeitet. Für das Abschlusskonzert in der Festhalle Hohenschau haben sich die Festivo Festival Strings besonders viel vorgenommen.
Neben den gefälligen und schmeichelnden Streicherserenaden op. 48 von Peter Tschaikowsky sowie op. 20 des Engländers Edward Elgar stand die Musik zum Ballett „Apollon musagète“ von Igor Strawinsky an. Dieses Meisterwerk des Neoklassizismus der frühen Moderne fängt Gestalten aus der antiken Mythologie Griechenlands ein. Die Musik hat ihre Tücken, obwohl sie sich betont einfach gibt. Auf thematische Konflikte wird genauso verzichtet wie auf klangliche Raffinessen.
Die große Kunst ist es, aus der schlichten Einfachheit einen dichten Spannungsbogen zu gestalten, der nicht abreißt. Genau dies ist den Festivo Festival Strings exemplarisch geglückt. Mit erstaunlicher Differenzierung wurde der unerhörte Charme dieser Musik freigelegt. Nichts wirkte in der Lautstärke forciert oder im Ausdruck künstlich aufgedonnert. Ein absolut stilgerechtes Musizieren war das Ergebnis.
Davon profitierte auch die Serenade op. 48 von Tschaikowsky. Statt bestimmte Effekte zu betonen, vor allem im bekannten Walzer-Satz oder im Finale mit seinem russischen Volkskolorit, wurde eine hellhörige Klassizität freigelegt. Mit diesem Profil glänzte gleich zu Beginn auch die Serenade op. 20 von Elgar aus dem Jahr 1892. Ein besonderer Höhepunkt wurde das Larghetto.
Hier entwickelten die jungen Streicher eine feine Klangsinnlichkeit und ein kultiviertes Zusammenspiel: nobel wie ein Profi-Ensemble. Die jetzige Konzentration auf Werke für Streichorchester ist für die Festivo Festival Strings goldrichtig.
In Zukunft sollte der Nachwuchs unbedingt auch mit neuer, zeitgenössischer Streicherliteratur konfrontiert werden. Hier wurde in den vergangenen 20 Jahren nämlich viel Großartiges geboren.