Chieming – Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Zeit, sich umzustellen, innerlich wie äußerlich. Die Tiere fangen an ihr Fell zu wechseln. Bunt wie die Jahreszeiten sind auch die Ausstellungen in der Chieminger Chiemart-Galerie, in der sich die Galeristin und Möbeldesignerin Doris Kißkalt immer wieder Neues einfallen lässt.
In der jüngst eröffneten Herbstausstellung unter dem Motto „Kommunikativ-ellipsoid-alpin“ sind noch bis Freitag, 30. November, Werke zweier Künstlerinnen zu bewundern: Figürliche Keramik von Mia Böddecker und Gemälde von Ilse Feiner.
Vom Denken erschwert
Die Werke von Böddecker sind wahre „figürliche“ Charakterstudien und können in drei Themen aufgeteilt werden: Multiple Persönlichkeiten, Kommunikation und „Die Denker“. Letztere sind eher klein – aber oho. Man könnte bei ihrer Betrachtung im übertragenen Sinn an Rodin denken: Auguste Rodins „Denker“ stützt sein vom Denken schweres Haupt auf seine Hand, den Ellbogen auf seinen Oberschenkel. Der gesamte auf einem Stein sitzende Körper seiner Skulptur wirkt niedergedrückt, vom Denken erschwert.
Der Betrachter wiederum „weiß“ oder „spürt“, was er sieht, also somit, was Rodin „meint“. Und das ohne darüber gesprochen zu haben. Körpersprache, Körperhaltung und -spannung wirkt im Unterbewusstsein, ist älter als Sprache und tut eklatante Wirkung.
Aus Studien der Verhaltenspsychologie erfährt man, dass wir über unsere Gedanken oder innere Bilder, unser Verhalten, Erleben und Fühlen beeinflussen können. Im positiven wie im negativen Sinn. Genau mit dieser Thematik hat sich Mia Böddecker, als sie anfing mit figürlicher Keramik zu arbeiten, eingehend auseinandergesetzt. Ihre Kunstwerke erreichen auf den Betrachter genau diese Wirkung. Man versteht, was sie meint. Ihre Kunstwerke haben ihre eigene, für jeden Betrachter verständliche Sprache, die ankommt, die berührt und zugleich zum Nachdenken anregt.
Im Vergleich zu Rodin gibt es bei Böddecker viele kleine Denker. Sie sind so unterschiedlich wie die Menschheit selbst, sind Helden des Alltags. Ein jeder lässt anhand Ausdruck und Haltung auf seinen Charakter schließen. Alle tragen eine Muschel auf dem Kopf – wie ein eigener unverwechselbarer Fingerabdruck. Ein eigenes kleines Volk, in dessen Betrachtung man stundenlang versinken könnte.
Ihre Porzellan- und Keramikkunst sind in bester Gesellschaft mit den farbenprächtigen Gemälden von Ilse Feiner. Die erlesenen Kunstwerke der beiden Künstlerinnen sind ein Beispiel dafür, wie sehr Kunst sich gegenseitig zum Strahlen bringen kann.
Chaos und
Ordnung
Ilse Feiners Serie „Ellipoid“ regt auf andere Art zum Denken und Fühlen an. Farben wirken über das Auge auf unser Inneres. Feiners geometrische Figuren – Ellipsen, schaffen Chaos und zugleich Ordnung. Der Betrachter sucht und findet Anlehnung, Begrenzung und zugleich Weite, wobei die Farben nie ineinander verlaufen, sondern in kontrastreicher Abgrenzung die gegenseitige Wirkung verstärken.
Echte Blickfänge, genau wie Mia Böddeckers figürliche Keramik, deren Themen, auf wieder ganz andere Art, ähnliche Inhalte auf anderer Ebene, in anderer Sprache „kommunizieren“. Ein spannender Spaziergang durch einen kunstvollen Raum, der Chiemart-Galerie, der eigentlich für soviel Kunst zu klein wäre, aber bei soviel Gefühl für Arrangement und Vergesellschaftung der schönen Dinge, nie überladen wirkt.
Kunstliebhaber haben noch bis 30. November Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen. Am Samstag, 29. September, können Interessierte bei einer Midissage – Bilder und Figuren werden gewechselt – mit den Künstlerinnen ins Gespräch kommen. Nähere Infos unter www.chiemart-galerie.de.