Schwendt – Vor über einem Monat ging die zweite Auflage des „Matthias Kendlinger Music Festival Lviv“ im ukrainischen Lemberg über die Bühne (wir berichteten). Wo entstanden alle die aufgeführten Werke? Gustav Mahler hat in seinen Urlaubsorten immer ein „Komponierhäusl“ gehabt.
Matthias Kendlinger (53) zeigte uns seine Heimat: In Schwendt bei Kössen in Tirol, direkt hinter seinem väterlichen Bauernhof, hat er sich ein kleines Königreich geschaffen – ein behagliches und großzügiges Haus mit Säulen-Eingang, überdachtem Freisitz, kleinem Infinity-Pool, vor allem aber mit einem „Komponierhäusl“.
In den Abhang hinein erstreckt sich dieses „Häusl“ über zwei Ebenen, unten ein gar nicht so kleiner hoher Kammer-Konzertsaal mit Bühne, auf dem ein Flügel thront, oben sein kleines Paradies: seine Komponierstube samt Computer mit Klaviertastatur und einem überwältigendem Blick auf den Wilden Kaiser. „Ich kann nicht im Keller komponieren“, sagt er, „die Umgebung hat viel Einfluss auf das, was ich komponiere.“
Bei Opus 11 ist er nun angekommen, sein neuestes Werk wird ein Violinkonzert sein mit dem Titel „Galaxie“. Große Namen tragen auch frühere Kompositionen: „Manipulation“ heißt seine erste Symphonie, „Menschenrechte“ ist seine zweite betitelt, „Der Priester“ heißt eine Oper, an der er arbeitet.
Kendlinger mag den tiefen, satten Bläserklang, vor allem von den Posaunen und Tuben, und den scharfen Rhythmus. „Die Rhythmik ist mir immer schon nahe gewesen. Und ich mag die Moll-Tonart“, bekennt Kendlinger. Früher habe er ewig lang nur lustige Dur-Musik gespielt. „Das erste Mal habe ich den Tiefgang und die slawische Seele gespürt, als ich meine Frau Larissa kennengelernt habe, die in Usbekistan geboren ist. Das Melancholische, den Hang zur Schwermut und die tiefen Gespräche haben mich fasziniert. Das ist meine zukünftige Welt, hab ich mir gedacht. Und ich mag den Kontrast.“
Sein Klavierkonzert heißt „Larissa“
Sein Klavierkonzert, ein sehr farbiges und formal reichhaltiges Werk, hat er mit dem Titel „Larissa“ versehen: „Ich hab mir vorgenommen, ein Klavierkonzert zu schreiben, weil ich vom Tasteninstrument komme. Dann setze ich mich ans Klavier – und bei mir hängt’s immer mit Lebensbereichen zusammen, und da war ein Mensch, dem ich sehr viel zu verdanken hab, meine Frau Larissa, und deswegen will ich ihr ein Klavierkonzert widmen und über sie schreiben. Und wer meine Frau länger kennt, der merkt, dass da eigentlich alles drin ist, was meine Frau an Spezialitäten hat, das ganz Ruhige, Feine, und auch das Kindliche.“
Hat er mit einem Pianisten zusammengearbeitet? „Erst danach, bei der technischen Entschärfung“, sagt Kendlinger, „ich neige nämlich dazu, immer ein bissl zu schwer zu schreiben. Da hab ich mit dem Philipp Scheucher aus Graz, der ein Pianist und ein Komponist ist, das Ganze aus der Taufe gehoben. Er hat dann gesagt, der eine Sprung ist zu schwer, zu kompliziert, und dann haben wir nach und nach alles entschärft und auch Akkorde bereinigt. Das war ja mein erstes Solo-Konzert, was ich geschrieben hab.“
Angefangen hat alles aber ganz anders: In jungen Jahren spielte der 1964 in Walchsee geborene Matthias Kendlinger Akkordeon in einem Volksmusik-Unterhaltungs-Ensemble, oft sieben Tage die Woche. Bis er in St. Johann in Tirol seine Frau Larissa kennenlernte und eine Familie gründen wollte.
Gelernt hat er Bürokaufmann und so wurde er Tourismus-Leiter in Walchsee, gründete dann aber – weil seine Frau Larissa sagte, er müsse doch wieder zurück zur Musik, denn er sei nicht mehr derselbe Mensch, die Veranstaltungsfirma „DaCapo“, bespielte als einer der ersten die Festung Kufstein mit Verdis „Nabucco“, war 1997 Gründungsgeschäftsführer der „Tiroler Festspiele Erl“, gründete 1998 gemeinsam mit der damaligen Choreografin der Wiener Neujahrskonzerte „Das Österreichische K&K Ballett“, 2002 rief er sein eigenes Sinfonieorchester ins Leben, die „K&K Philharmoniker“, das aus lauter ukrainischen Musikern besteht, ein Jahr später den „K&K Opernchor“, der seit 2015 auch als „Ukrainischer Nationalchor Lviv“ auftritt, und im Jahr 2005 hob er die „Tiroler Beethoven-Tage“ in Thiersee aus der Taufe.
Sein Debüt als Dirigent feierte er, der Stunden bei Leopold Hager in Wien genommen hatte, 2004 im Leipziger Gewandhaus. Mit den „K&K Philharmonikern“ und Walzern und Polkas der Strauß-Familie bereiste er äußerst erfolgreich ganz Europa: „Polka und Walzer sind ja meine Welt.“
All diese Lebensstationen waren nicht ohne Risiken, waren immer auch finanzielle Wagnisse – bei denen seine Frau Larissa ihm immer den Rücken stärkte. „Ich habe aus vielen Fehlern gelernt, anfangs hab ich allen immer alles geglaubt“, sagt Kendlinger. Mittlerweile ist seine ganze Familie in der Firma „DaCapo“ beschäftigt: Larissa Kendlinger ist Mitgesellschafterin, der Bruder Josef ist für Werbung und Grafik zuständig, der andere Bruder Christian für die IT und das Online-Marketing, dazu kommen die jeweiligen Schwägerinnen, genauso wie die beiden Töchter Caroline und Katrin und auch der Sohn Maximilian, der die kaufmännische Betriebsleitung macht, aber auch als Dirigent in die Fußstapfen seines Vaters tritt: insgesamt sind es neun Familienmitglieder.
Die Wurzeln bleiben
in Schwendt
Der Firmensitz ist in Schwendt, ein Büro gibt es in Ebbs, eins in Leipzig und eines in Lemberg: von Schwendt in Tirol in die weite Welt. „Ich hab einfach die Wurzeln da in Schwendt“, sagt Kendlinger, „ich bin sehr gern unterwegs, aber ich mag immer sehr gern zurück dahin, wo ich herkomme. Ein Mensch soll seine Wurzel nicht verlieren und vor allem nicht verschmähen!“
Ist Matthias Kendlinger jetzt weniger Firmenchef, weniger Veranstalter, weniger Dirigent und mehr der Komponist? „Momentan verbringe ich die Hauptzeit mit Komponieren. Das ist Balsam für meine Seele.“