Goethe-Gesellschaft Rosenheim

Eine Reise in den Untergang

von Redaktion

Der Schriftsteller Hans Pleschinski las im Rosenheimer Künstlerhof aus seinem Roman „Wiesenstein“

Rosenheim – Über Gerhart Hauptmann in der Goethe-Gesellschaft zu sprechen, sei höchst passend, so der Schriftsteller Hans Pleschinski. Das liege nicht nur an Hauptmanns Erscheinung, die sich im Alter immer mehr dem bewunderten Vorbild angenähert habe. Der schlesische Dramatiker sei auch bereits zu Lebzeiten wegen seiner sozialkritischen Dramen als „Gewerkschafts-Goethe“ bezeichnet worden. Pleschinski las auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz vor zahlreichen Zuhörern ausgewählte Passagen aus seinem neuesten Roman „Wiesenstein“.

Pleschinskis akribisch recherchierter Roman handelt von den letzten beiden Lebensjahren Gerhart Hauptmanns. Nach dem verheerenden Bombenangriff auf Dresden, den das Ehepaar Hauptmann in einem Sanatorium überlebt, werden beide unter abenteuerlichen Umständen zurück in ihre Villa „Wiesenstein“ nach Niederschlesien gebracht. In packenden, oft schockierenden Bildern schildert Pleschinski den Untergang Schlesiens im Frühjahr 1945. Das friedliche Idyll verwandelt sich durch den Einmarsch der Russen bald in eine Apokalypse, die niemand erwartet hatte.

Obgleich er in seinen Dramen keine heldische Figur gezeichnet hat, sei Hauptmann, so Pleschinski, das „Aushängeschild des Dritten Reiches“ gewesen. Im Gegensatz zu seinem großen Rivalen Thomas Mann sei er nicht emigriert, habe in seiner Villa sogar diverse Nazi-Größen empfangen. Der Roman „Wiesenstein“, den Pleschinski als ein deutsches „Vom Winde verweht“ bezeichnete, handle von drei Untergängen: nicht nur das „Dritte Reich“ ginge unter, sondern in dessen Sog auch das deutsche Schlesien. Schließlich verfalle Hauptmann gesundheitlich. Der Roman endet mit dem Tod des Dichters im Juni 1946.

Mit erschütternder Eindringlichkeit las Pleschinski eine Passage über die gefahrvolle Fahrt der Hauptmanns aus dem noch rauchenden, völlig zerstörten Dresden mithilfe von Hauptmanns Sekretärin und eines Wehrmachtsmasseurs, der bald ein perfekter Hausmeister und Vorleser wird. Noch in der herannahenden Apokalypse hätten die Hauptmanns in ihrer Villa abgeschirmt von der Außenwelt Wert auf einen bürgerlichen Lebensstil mit Gärtner, Diener und Zofe gelegt. „Doch auch das bürgerliche Deutschland wurde von den Nazis mit in den Abgrund gerissen“, so Pleschinski.

Eine dezent geschilderte Liebesszene zwischen dem Masseur und der attraktiven Besitzerin eines Cafés – laut Pleschinski die „letzte deutsche Romanze im deutschen Niederschlesien“ – fesselte die Hörer genauso wie der deprimierende Dialog Hauptmanns mit den Vertretern der polnischen Behörden, die dem schwerkranken Dichter einen „Schutzbrief“ ausstellen und die Evakuierung der Deutschen ankündigen. Für seine ergreifende Lesung erhielt Pleschinski vom Publikum anhaltenden Applaus.

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