Rosenheim – Was muss das für ein Orchester sein, zu dessen Jubiläumskonzert eine ehemalige Fagottistin extra aus Norwegen anreist? Was für eine Bindungskraft muss dieses Orchester haben! Die Rede ist vom Jugendorchester „Die Arche“, das Rainer Heilmann vor genau 30 Jahren gegründet hat und das er immer noch leitet. Dafür erhielt er in diesem Jubiläumskonzert im erfreulich vollen Rosenheimer Ballhaussaal nun den Musikpreis der Kultur- und Sozialstiftung Dr. Stöcker.
Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer hatte anfangs auch die Gäste aus Rosenheims Partnerstadt Briançon begrüßt: Die dürften sich gefreut haben, denn auf dem Programm standen an diesem Abend ausschließlich Werke französischer Komponisten.
Vor der Preisübergabe erklang sehr farbig und sehr forsch „Cortège“ aus der „Petite Suite“ von Claude Debussy (1862 bis 1918) in der Orchesterbearbeitung von Henri Büser. Die Streicher bemühten sich hier noch um klangliche Homogenität und das gesamte Orchester um den typisch silbrig-flimmernden Debussy-Klang.
Das „Double Concerto pour vibraphone, marimba et orchestre“ des 1961 geborenen Emmanuel Séjournè hat eine ungewöhnliche solistische Besetzung und eine rhythmisch höchst diffizile, synkopengeprägte Struktur. Es beginnt triumphal und entwickelt mit breiten, teilweise flirrenden Streicherklängen, Jazz-Passagen, Bar-Musik-Anklängen und einem Walzer eine echte Filmbreitwand-Wirkung. Die Orchesterschläge kamen ganz exakt, das groß besetzte Schlagwerk kam immer genau auf dem Punkt und am Schluss steigerte sich das Orchester durchaus ins Wild-Fetzige. Rainer Heilmann hielt mit genauer Gestik alles zusammen.
Franz Lang am Vibraphon und Mintzu Lee am Marimbaphon schufen bezaubernde Mischklänge, teilweise mit Wimmereffekten, teilweise mit virtuos gehandhabten parallel oder gegenläufig laufenden Tonskalen, und überwältigten immer wieder durch überraschende Klangeffekte und wirbelnde Klöppelkunst. Für den schier nicht enden wollenden Applaus bedankten sich die jungen Solisten mit einem Bach-Stück, zu zweit am Marimbaphon gespielt.
Ganz dienlich stellte sich Mintzu Lee für die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz (1803 bis 1869) hinten an die Pauke und sorgte dort für unheimlich drohende und dröhnende Atmosphäre. Das Orchester erzählte eindringlich und plastisch das Schwanken zwischen ersehnter Idylle und hochgemuter Verzweiflung und man konnte hören, wie die „idée fixe“ (nach der übrigens der Hund Idefix in den Geschichten von Asterix und Obelix benannt ist!), also das Leitmotiv, durchs musikalische Geschehen wandert.
Das Orchester wurde immer sicherer, strebte nach leidenschaftlichem Ausdruck und erfasste genau den genialen Wahnsinn dieser Symphonie, diese „verzückte Leidenschaft“, von der Berlioz spricht, gestaltet gut die bebende Vorfreude auf den Ball und dann die schwelgende Walzermusik. Das Englischhorn und die Oboe, beide hervorragend, spielten elegisch schön den ländlichen Reigen, machtvoll und rhythmisch straff ertönte der Marsch zum Schafott und höllenwirbelig ging’s dann zum Hexensabbat: eine beeindruckende Orchesterleistung.
Als Zugabe für den langen und begeisterten Applaus gewährte das Jugendorchester noch einen Satz aus Debussys „Petite Suite“.