Interview

„Wir wollen nicht berechenbar sein“

von Redaktion

Gespräch mit Vait-Bandgründer und Sänger Ralf Müller

Bad Aibling – Mit einem Paukenschlag endete im Januar 2017 ein Konzert von Vait im Kurhaus. Die Band verkündete von der Bühne aus, dies sei das vorerst letzte Konzert der Gruppe, die nicht nur in der Region zahlreiche Fans hat. Jetzt ist die Auszeit vorbei, die Musiker um Ralf Müller sind wieder auf Tour. Am Sonntag, 28. September, spielt Vait in der Asta-Kneipe in Rosenheim – Gelegenheit, mit Ralf Müller über die Auszeit und über neue Pläne zu sprechen.

Was hat diese Vait-freie Zeit, diese kreative Pause, mit dir gemacht?

Ralf Müller: Es hat mich vor allem ein bisschen ruhiger werden lassen und ein bisschen mehr zentriert. Wenn man aus dem alltäglichen Rhythmus so ein bisschen rausgeht und diesen Wust, der um einen rum ist, ein bisschen fallen lässt, dann hat man plötzlich wieder Zeit, über Sachen nachzudenken, die so im Alltag keinen Platz haben.

Wie ist Dein aktueller Seelenzustand?

Mir geht’s gerade sehr gut, privat und in Bezug auf meine Musik. Viel besser sogar als vor der Pause. Das hätte ich nicht gedacht. Ich hatte wirklich Angst vor der Pause, davor, dass ich weniger Musik mache, dass mir die Musik abhanden kommt – und es ist eigentlich genau das Gegenteil passiert. Ich schreibe Songs und mache ganz viel Musik, ohne über irgendwas nachzudenken. Es passiert gerade sehr viel Neues. Das ist aufregend, schön, aber auch anstrengend. Ich habe im letzten Jahr viele neue Rollen in meinem Leben entdeckt – vor allem durchs Papa-Werden.

Du bist Vater geworden. Wird Vait jetzt erwachsen, nachdenklicher?

Puh. Also nicht wegen meinem Vater-Werden, aber jeder verändert sich. Noch nachdenklicher geht ja glaube ich auch nicht. (Lacht) Also die Themen ändern sich einfach. So eine Band, so ein Musikprojekt, das ist immer ganz nah an meinem Leben. Extrem verknüpft mit mir selbst und ich verändere mich natürlich! Wenn es nicht so wäre, würde ich nicht die Musik machen, die ich jetzt gerade mache. Und das wird zu merken sein, an der Art und Weise, wie wir nach der Pause weitermachen.

Und wie geht es jetzt nach der Pause weiter?

Es wird etwas geben, was sich viele Fans schon lange wünschen, was wir schon oft gehört haben: Eine akustische, eine „roughe“ Version von Vait. So, wie es viele von früher kennen. Deshalb wollen wir dem Ganzen einen akustischen Rahmen geben, ruhiger werden eben. Das wird auch für uns selbst spannend.

Also ursprünglicher? Im Sinne von feiner, leiser?

Ja, Vait besteht ja ganz stark aus Text und ganz stark aus volle Kanne draufhauen. Jetzt wollen wir halt mal die Lautstärke, dieses Kracherte, dieses Tanzen und Schwitzen ein bisserl zurücknehmen und die Texte wieder mehr sprechen lassen. Im Herbst 2018 gibt es dann aber eine ganz kleine Clubtour. Ganz ohne Tanzen geht es dann auch nicht.

Deine musikalischen Anfänge, das waren Deine Gitarre und Du, also quasi ein „akustisches Soloprojekt“. Willst Du wieder dahin zurück?

Das hört sich vielleicht nicht mehr so an, aber wenn ich heute da auf der Bühne stehe und Musik mache, dann bin das noch immer nur ich und meine Gitarre. Jetzt sind halt andere Musiker dabei, aber ich schreibe die Lieder immer noch genauso wie vor 20 Jahren. Nur, jetzt möchte ich ein bisschen weg vom Lärm. Ich will weniger. Ich weiß, dass Vait beides kann und beides will und jetzt ist es mal wieder an der Zeit, für die leiseren Töne. Und diese nächste Platte, mit der wir jetzt dann auf Tour gehen, hat auch erst mal nur den Anspruch, dass wir selbst richtig Bock drauf haben – und das ist auch etwas ganz Neues für uns, wieder so ein bisschen „back to the roots“. Im Studio sitzen und schauen, was dabei rauskommt, ohne schon weiterzudenken. Wird das jetzt erfolgreich? Wird das je einer im Radio spielen? Kann man das beim Festival tanzen oder nicht? Nein, einfach mal drauf los spielen und komponieren und dann schauen wir, was rauskommt.

Wie wichtig sind und bleiben für Dich die Songtexte?

Sie sind für mich weiter alles. Ich habe ja eigentlich nur Gitarre spielen gelernt, um meinen Texten einen Rahmen zu geben, wie andere halt ein Buch schreiben und ich habe eben die Musik als mein Medium gewählt.

Bist Du also im tiefsten Herzen immer noch der wütend-poetische Singer/Songwriter, der die Welt verändern möchte?

Auf jeden Fall. Das ist kein Stilmittel, das ich jetzt unbedingt auspacken muss: Welt verändern oder diese Punkattitude, das kommt oder es kommt nicht. Ich habe Musik auch immer nur für mich gemacht und dann habe ich die ersten Konzerte gespielt und es sind Leute gekommen und haben gesagt, hey, mir geht’s genauso. Danke, Du hast mir ja voll geholfen. Da habe ich gemerkt, dass es eine Art gibt, Texte zu schreiben, dass sich andere Leute da auch drin wieder finden können. Und das ist mir wichtig. Ich kann damit nicht die Welt verändern, aber ich kann meinen kleinen Beitrag dazu leisten und da versuche ich jetzt, weiterzumachen.

In Eurem Song „Jetzt“ stellt Ihr philosophische Fragen: „Wo kommen wir her?“, „Wo gehen wir hin?“, „Was bleibt am Ende?“ Hat Vait während der Auszeit dazu neue Antworten gefunden?

Wir stellen uns Fragen, die wir uns vorher nicht gestellt haben und suchen nach Antworten. Der Prozess hat angefangen und ich will, wenn ich irgendwann einmal aufhöre mit dem Vait-Projekt, keine Band sein, die langweilig und berechenbar war. Ich will immer etwas anderes gemacht haben. Ich will am Puls von mir selbst gewesen sein. So, dass ich immer sagen kann, das war 100 Prozent, was ich wollte. Das ist für Leute, die uns kennen, für die Presse und Plattenlabels manchmal schwer zu verkraften, wenn wir immer etwas anders machen.

Das Konzert in der Asta Rosenheim, Hubertusstraße 1, ist am Freitag, 28. September. Einlass ab 20.30 Uhr, Beginn 21.15 Uhr. Als Vorband spielt „Standing Grains“. Kartenvorverkauf unter https://bit.ly/2sKR2ez sowie an der Abendkasse.

Interview: Claudia Bultje-Herterich

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