Flintsbach/Rosenheim/
Nußdorf – Die „Inntaler Klangräume“ im siebten Jahr ihres Bestehens trafen auch heuer aufgrund ihres bisherigen außergewöhnlichen Erfolgs auf große musikalische Erwartungen. Die wurden freilich noch aufs Wunderbarste übertroffen. Für viele der aus der ganzen Region angereisten Besucher wie auch für die Einheimischen waren die drei Konzerte in Folge veritable Höhepunkte der Musik.
Wie man es vom Begründer der Veranstaltungsreihe, dem Musiker, Dirigenten und Maler Andreas Legath aus Bad Aibling gewohnt ist, wusste er Architektur und Musik miteinander zu verbinden, die schön gelegenen barocken Kirchen in Flintsbach und Westerndorf sowie die kapellenartig kleine Kirche in Windshausen mit selten aufgeführten Konzertprogrammen zu beseelen, die Werke der klassischen Musik wiederum mit den örtlichen Traditionen des Dreigesangs und der Bläserensembles im bayerischen und Tiroler Land. Die Auswahl der Musikstücke für die Konzerte orientierte sich an den Vorstellungen und Bildern des christlichen Kreuzes. An solchen auratischen Orten konnten sie ihre Kraft immer am stärksten entfalten: in den Kirchen.
Wie vor zwei Jahren eignete sich die Pfarrkirche St. Martin in Flintsbach am besten, um das Bühnenbild einer gesamthaften Aufführung von Joseph Haydns Komposition „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ in Musik, Wort und Bild zu beherbergen. So wie der Komponist am Karfreitag 1787 dieses Auftragswerk als ein raumbezogenes ausdrücklich in Cádiz realisiert haben wollte, hatte Legath raumbezogen 2016 eine Bühnenplastik im Altarraum der Kirche in Flintsbach geschaffen, um die Responsorien von Gesualdo zur Aufführung der Musik aufzublättern.
Bild- und Lichtinstallationen
Jetzt wurden dort sieben stelenartige Tafeln jeweils einzeln durch Lichtregie aufgerufen, in „7 Sonaten abgetheilt“, wie Haydn es vorgeschrieben hat, um den Worten am Kreuz Raum zu geben für Klang und Bild.
Die Bilder, körnig reliefierte Gemälde in schwarz, grau und beigem Farbaufträgen und auf der Bildfläche applizierten Holzleiterteilen, mit schräg aufragenden schlichten gemalten Kreuzen, gaben den Szenarien eine merkwürdige Widerborstigkeit, wie auch die Mediationen des Salzburger Erzabtes Korbinian Birnbacher OSB. In kluge Worte gefasst, nahmen sie sich eher kritisch widerspenstig aus, eben nicht das Passionsgeschehen affirmativ illustrierend, und voller Anspielungen zu den aktuell gesellschaftlich brennenden Themen Gewalt und Missbrauch.
Die musikalisch Ausführenden der Streichquartett-Bearbeitung Haydns, das Quatuor Mosaiques mit Erich Höbarth, Andrea Bischof, Anita Mitterer und Christophe Coin, machten in ihrem perfekten Zusammenspiel, vorgetragen in tiefstem Ernst, nicht nur ihre musikalische Sonderklasse deutlich, sondern auch den Rang eines der großartigsten Werke der Musikgeschichte – durchaus auf der Ebene von Bachs Passionsmusik und Beethovens geistlichen Werken. Am Ende, wenn aufwühlendes Rot von Legaths Bild- und Lichtinstallation ein Erdbeben auf der Bühne des Altarraums vergegenwärtigt, verharrte die Zuhörerschaft in Erschütterung.
Mit Pauke und Trompeten
In der Wallfahrtskirche Helig-Kreuz in Westerndorf am Wasen bei Rosenheim, berühmt wegen des aberwitzig kühn geschwungenen Zwiebelhauben-Baus, begann das Konzert adäquat spektakulär, feierlich den Raum ausspielend, mit Pauke (Alexander Jung) und folgend den vier Trompeten von Christoph Eisert, Martin Möhringer, Andrea Christoph und Bernd von Hösslin (Münchner Hoftrompeter).
Die Sopran-Sängerinnen Priska Eser, Almut Cech und Konstanze Preuss sowie die Alt-Sängerinnen Mareike Braun, Luitgard Hamberger und Birgit Rolla stimmten sich in wechselnden Stimm-Kombinationen mit ihren Kollegen, den Tenören Andreas Hirtreiter und Michael Birgmeier sowie den Bass-Sängern Thomas Hamberger und Burkhard Mayer ein auf den spanischen Renaissancekomponisten Tomás Luis de Victoria, den Wolfenbüttler und Dresdner Hofkapellmeister Michael Praetorius, Antonio Lotti und den römischen Komponisten Giacomo Carissimi. Es wurde zu einer Feier des Gesangs in der Spannbreite vom Cantus des gregorianischen Gesangs zum Belcanto der italienischen Oper unter der musikalischen Leitung ihres Cantate-Ensemble-Leiters Andreas Legath. Und wie dabei hell leuchtende Stimmen in überirdische Höhen aufstiegen, und doch in ihrem Thema der Kreuzesverehrung eingefügt blieben, war ein subtiler, religiös gestimmter Gesangesgenuss.
Wie gut, dass die raffinierte Programmplanung vorsah, Annegret Siedel als Soloviolonistin und Kaori Mune-Maier an Cembalo und Orgel mit Pachelbel, Johann Caspar von Kerll und Heinrich Ignaz Franz Biber mit ihrem Singen der Geige und der Tasten immer wieder in die Gesänge einzuschieben, dies in bestechender Virtuosität!
Höhepunkt und Abschluss dieses Konzertes war die Missa in C von Johann Joseph Fux. Der von einzigartig konzentriertem Vokal- und Instrumentalklang erfüllte Altarraum war ein beglückender Beweis, wie lebendige Akustik sich über wohlfeile beste elektronische Anlagen erheben kann zu einem authentischen Erlebnis mitschwingender tieferer Bedeutungsräume, seien sie ästhetisch oder religiös wahrzunehmen.
In der Filialkirche Heilig Kreuz in Windshausen im Niemandsland kurz vor dem tirolerischen Erl hielt der begrenzte Kirchenraum die Musiker keinesfalls zurück, ein Programm von 20 Stationen in Klang zu versetzen. Zu den Sängern und Sängerinnen Priska Eser, Luitgard Hamberger, Andreas Hirtreiter und Thomas Hamberger traten das Asslinger Bläserquintett aus Osttirol, der Sulzberger Dreigesang aus Brannenburg mit Maria Gasteiger, Elisabeth Reiter und Regina Feicht sowie Peter Anderl an der Zither und der Organist Hubert Huber auf.
Andreas Legath konnte auch hier sein Cantate Ensemble sich zu den unglaublichen Höhen erfüllter Musik aufschwingen lassen. Gerade im Dialog mit den im Lokalen und Regionalen verankerten, aber nicht weniger hoch professionellen Sängerinnen des Dreigesangs und des Bläserquintetts gelang es, das Einfache und Zarte des Liedhaften hervorzuheben, das Mozarts Werk „O Gotteslamm“ und seine Kirchensonate KV 67 mit dem Bläserstück „Von meinen Bergen muß ich scheiden“ und dem Dreigesang „Kommt ihr Sünder“ verbinden.
„Heil’ges Kreuz
sei hochverehret“
Das durch die Bläser unterstrichene Feierliche der Missa brevis des jungen Mozart ließ Legath übergehen in ein abgestuftes Finale aller Musiker im Altarraum, in das die Zuhörer sich einfügten mit dem in Noten verteilten gemeinsamen Lied „Heil’ges Kreuz sei hochverehret“.
Es trat bei diesem Schlusskonzert wie auch bei allen anderen ein, was im Programmheft zu den „Inntaler Klangräumen 2018“ die Landshuter Stadträtin Anke Humpeneder-Graf als „numinose Ergriffenheit“ bezeichnet und der Schirmherr dieses kleinen Musikfestivals, der Rosenheimer Landrat Wolfgang Berthaler, in seinem Vorwort als „eindrucksvolle Symbiose zwischen geistlicher Musik und unserer faszinierenden barocken Kirchenarchitektur“ preist.
Wenn man bedenkt, dass diese Veranstaltung zwar gefördert wurde von offiziellen Geldgebern und privaten Sponsoren, aber dennoch nie zustande gekommen wäre ohne das selbstlose Engagement der Musiker von nah und fern – in vielen Fällen Weltklasse-Musiker – und des uneigennützigen Einsatzes der Organisatoren, allen voran Andreas Legath und Brigitte Mitterer. Nie wäre entstanden, was allen Beteiligten und Zuhörern nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird: Die Hommage an den Mythos und an die Wirklichkeit des Kreuzes im heimatlichen Bayern wurde zu einer dreifachen Sternstunde von Musik und Kunst.
Der Autor ist Kunstkurator
und Publizist. Er lebt in Traunstein und München.