München/Neubeuern – Enoch zu Guttenberg wäre es wahrscheinlich „viel zu viel Gedöns“ gewesen. Da waren sich die Söhne Philipp und Karl-Theodor einig. Doch ebenso einig waren sich die von ihnen angeführten Redner auch in einem anderen Punkt: „Gefreut hätte es ihn trotzdem sehr!“ Am meisten wohl die Ovationen, die man seiner Chorgemeinschaft Neubeuern bereitete, die mit Verdis Requiem im Herkulessaal ihr letztes offizielles Konzert gab. Ein ebenso bedauerlicher wie konsequenter Schritt, um „das gemeinsame Lebenswerk in der zuletzt erreichten Form in Erinnerung zu behalten“. Denn wem wollte man es zumuten, in die übergroßen Fußstapfen des im Juni verstorbenen Dirigenten zu treten?
Zu vieles, was man in über fünf Jahrzehnten mit ihm erlebt hat: vom ersten Auslandsgastspiel im benachbarten Kufstein bis hin zum letzten in der New Yorker Carnegie Hall. Zahlreiche Anekdoten gab es da an diesem Gedenkabend zu hören. Am ergreifendsten vielleicht von Hildegard Eutermoser, lange die graue Eminenz der Chorgemeinschaft, die auf sehr persönliche Art noch einmal hinter die Fassade des am Pult stets so streng dreinschauenden Maestros blicken ließ. „Bei uns war er einfach der Guttei!“ Ein Mensch, der mit viel Sturheit und ebenso viel Herzblut den anfangs gern belächelten Chor zum Ensemble von Weltruhm formte.
Das zeigte sich auch jetzt wieder, als Dirigent Kent Nagano nach filigranem Beginn zum machtvollen „Dies Irae“ noch einmal die volle Klangwucht der Neubeurer entfesselte. Zusammen mit dem aus Tareq Nazmi, Sung Min Song, Anke Vondung und Guttenbergs Lebensgefährtin Susanne Bernhard bestehenden Solistenquartett bot man zum Abschied eine Aufführung, die dem Gründer Ehre gemacht hätte und allen im Saal lange im Gedächtnis bleiben dürfte. Ebenso wie die Tränen, die nach dem Verklingen der letzten Note und Minuten des Schweigens auf der Bühne vergossen wurden. Aus Trauer, aber auch aus Dankbarkeit für das gemeinsam Erlebte. Tränen, deren sich niemand zu schämen braucht. Denn was dieser Laienchor unter Guttenbergs Führung erreicht hat, das oft besungene „Wunder von Neubeuern“, dürfte so schnell nirgendwo wiederholbar sein.