„Das Konzert hat mit wunderbar gefallen, ich wollte die King’s Singers schon seit Jahren sehen, und jetzt endlich ist es wahr geworden in Rosenheim – und ich komm aus dem Dauergrinsen nicht mehr raus. Ich fand das Medley zum 50. Jubiläum superschön. Ich singe selber schon sehr lange und muss sagen, dass jeder Einzelne seine individuelle Stimme hat, aber alle zusammen sehr harmonisch sind, und das hat mich sehr fasziniert.“
Wie war’s?
Die King’s Singers begeisterten ein zum großen Teil jugendliches Publikum im Kuko
Die Boygroup des A cappella
Rosenheim – Die King’s Singers, die wohl beste Klassik-Boygroup der Welt, sind mittlerweile 50 Jahre alt und machten auf ihrer Jubiläumstour im so gut wie ausverkauften Kultur- und Kongress-Zentrum Halt. Die Stimmung war von Beginn an überschäumend, nicht zuletzt, weil sehr viele jugendliche Konzertbesucher unbekümmert ihrer Begeisterung Luft machten.
Natürlich ist es nicht mehr die Ur-Besetzung, aber die jetzigen sechs jungen Sänger sind genauso gut wie die damaligen. Was heißt da „gut“! Fantastisch gut sind sie! Jeder hat seine eigene individuelle Stimme und seinen eigenen Stimmklang, zusammen aber bilden sie eine genauestens austarierte Harmonie. Selten hört man so absolut reine Akkorde, nie hört man einen gemeinsam gesungenen Schlusston so aus einem Guss, selten hört man ein Pianissimo so spannungsvoll-belebt. In dem Renaissance-Madrigale „Domine Jesu“ von Henry Levy hört man jeden Durchgangston genau, aber eben auch „nur“ als Durchgang, und die reinen Akkorde schweben schwerelos durch den Raum. Die doch so diffizile und nicht dem Gesang holde Akustik dieses Saales kümmert die Sänger überhaupt nicht: Sie schaffen sich ihren eigenen Klangraum. Die Gesangslinien ziehen sie wie einen Gummistrang so weit aus, dass sie die Höchstspannung erreichen, trotzdem fließt alles in höchster Ruhe und Gelassenheit dahin, mit unmerklich kleinen dynamischen Rückungen gewinnen die Gesangslinien an Emphase und Intensität. Das Liebes-Lamento aus der spanischen Renaissance („Gentil señora mia“) malt sich in den Mienen der Sänger nach, die Liebesseufzer hallen in den schön schwellenden Crescendi nach.
Romantische Musik in Reinstform gab’s von Max Reger und Joseph Rheinberger, nämlich den „Morgengesang“ und das „Abendlied“: überbordend-schwelgende Chromatik mit dezentem Orgel-Schweller in blitzsauberen Harmonien. Aber auch moderne leicht dissonante Akkorde wie in „The seasons of his mercies“ von Richard Rodney Bennett (1936 bis 2012) klangen so süffig wie süße Pralinen mit belebendem Inhalt.
Jeder der Sechs ist ein glänzender Solist, der den gleitenden bruchlosen Übergang von Bruststimme über die voix mixte bis zur Kopfstimme beherrscht. Die Countertenöre Patrick Dunachie und Timothy Wayne-Wright singen auch noch in den höchsten Piano-Tönen klingend und klangvoll, der Tenor Julian Gregory führt seinen reinen Tenor unbeschadet durchs Pianissimo bis ins unangestrengte Forte, Chris Bruertons Bariton ist warm, weich und wandlungsfähig ohne Ende, der von Christopher Gabittas ist vornehm und distinguiert, der Favorit des Berichterstatters war der Bassist Jonathan Howard: Der kann seinen mächtigen Bass rhythmisch markierend schärfen, aber auch unendlich zärtlich zurücknehmen, dann aber wiederum in einen vergnügt swingenden gesungenen Zupfbass verwandeln. Er flirtete am charmantesten mit dem Publikum und sprach auch am besten Deutsch – doch jeder der Sechs moderierte in perfekt artikuliertem Deutsch.
Drei Höhepunkte bot das weit gefächerte Programm mit Schwerpunkt auf sehnsüchtig-schwermütigen Liedern: Zuerst „El Fuego“ von Mateo Flecha (1481 bis 1553), das eine Feuersbrunst schildert, die durch Wasser besiegt wird – eine Allegorie für das Sündenfeuer, das durch das reine Wasser des Gebetes gelöscht wird. Darin ist alles Mögliche enthalten, die Wut des Feuers, die Angst der Menschen, das stille Gebet zur Jungfrau Maria und sogar der Dudelsack, der am Ende zum dankbaren Tanz aufspielt: glänzend von den King’s Singers wiedergegeben und auch gestisch unterstützt.
Zweiter Höhepunkt war in dem vom Programm so genannten „Zuckertüte“, den liebsten Repertoire-Stücken der Sänger, eine Version des Beatles-Songs „Honey Pie“ im sogenannten „Close-Harmony“-Stil, also in einem Arrangement in enger Lage. Das ist gesanglich heikel, weil die Einzelstimmen recht nah beieinander liegen, bringt aber höchst reizvolle Harmonien. Wie die Sänger hier die eh schon komplexe Harmonie umschmeichelten und aufglühen ließen, war schlicht sensationell.
Höhepunkt war „Quintessentially“, ein Medley aus 50 Jahren „King’s Singers“-Songs: Höchst humorvoll arrangiert, mit vielen Instrument-Imitationen, erklangen in schneller Folge diese Lieblingssongs, von den Sängern genüsslich, schmissig und lustig dargeboten: Eine Quintessenz der Gesangskunst, einfach vollkommen, wie das Wort „quintessentialy“ sagt.