von Redaktion

Rosenheimer Kleinkunsttage Kabarettist Andreas Rebers brilliert im Lokschuppen

„Ich bin ein Mann der radikalen Mitte“

Rosenheim – Bevor Kabarettist Andreas Rebers im Rahmen der Kleinkunsttage die Bühne im Lokschuppen betrat, gab’s vom Veranstalter Sepp Hirle kritische Worte in Richtung Publikum. Dass manche Besucher auf den letzten Drücker kommen und sich dann beschweren, wenn sie im restlos ausverkauften Saal keinen Platz mehr ganz vorne neben ihren Liebsten bekommen, brachte Hirle auf die Palme. Als Rebers dann in seinem Programm „Amen“ sogleich mit finsterer Miene und Hitlerbärtchen „Erdolf aus Ankara“ zerlegte, beruhigten sich die Gemüter, denn das Publikum wurde vom Kabarettisten gewarnt: „Beleidigt sein erfolgt auf eigene Gefahr.“

In einer subtilen Mischung aus Zynismen, hintergründigen Schmeicheleien und genauer Beobachtungsgabe gelingt es Rebers augenblicklich, die Hörer zum Nachdenken über die widersprüchliche Wirklichkeit zu bringen. Dabei steuert der Kabarettist direkt gegen den Mainstream, seziert Trends, hohle Phrasen und Floskeln in Politik und Gesellschaft. Mit hoher, gepresster Stimme, fast hysterisch, ruft er in den Saal: „München ist bunt“ und spielt dabei auf die Wohlfühldemos eines urbanen grünen Bürgertums an. An der „Führerfront“ sucht Rebers, ein Vertreter der „radikalen Mitte“, vergeblich nach großen Talenten. Nur Erdogan alias „Erdolf“ zollt er im Fall Kashoggi ironisch Respekt: „Wie der die Saudis an den Eiern hat.“

Assoziativ verknüpft der gebürtige Niedersachse wild grimassierend Politikernamen mit düsteren Gestalten aus dem „Herr der Ringe“, so dass einem das Blut in den Adern gefriert. Genüsslich verspottet er sinnentleerte Redewendungen und erkennt: „Wir leben in einem kranken Land.“ Einzige Rettung sei Misstrauen: „Der misstrauische Mensch ist der bessere Bürger.“ Leidenschaftlich wettert der Kabarettist gegen die „öffentlich-rechtlichen Senkgruben“, gegen die „Pausenclowns“, die im Menschen nur Verbraucher, User und Datensätze sehen.

Schon das Paradies war beklagenswert. Sein „Faktencheck“: „Alles Bio, kein Diesel, kein Feinstaub, ein heterosexuelles Pärchen mit bildungsfernem Hintergrund und Veggy Day, blöd, doof, bescheuert: Adam und Eva!“ Dazu passt dann sein Lied „Ich bin ein nicht getaufter Christ“, das er auf dem Keyboard begleitet. Doch auch der Koran bietet Verblüffendes, etwa das Gebot „Das Weib soll nicht mit den Füßen scharren.“, ein Satz, den Rebers mit schriller, sich überschlagender Stimme ad absurdum führt.

Rasch springt Rebers, der in Trümmern aufgewachsen ist und schlesisch erzogen wurde, von einem Thema zum anderen, verzichtet dabei immer wohltuend auf „Political Correctness“. Habe es früher nur ein dickes Kind in der Klasse gegeben, „die Eltern waren Unternehmer“, und alle anderen dünne Proletarierkinder, sind die heute durch Fastfood und Digitalisierung fett geworden, während die Dünnen nun wohlstandsverwöhnte, vegetarisch ernährte Bürgerkinder sind, die überbehütet werden von „Sozialpathologen“ in der „Murmeltiergruppe“.

Seine mal sanft gesäuselten, mal scharfzüngig gemeißelten, oft erregt vorgestoßenen Sottisen lockerte der Kabarettist gelegentlich mit Liedern von Franz-Josef Degenhart und eigenen Texten auf. „Ich hab gebrochen mit der Bildung in diesem Land“ und „Das ist ein Land im Endstadium“, gesteht Rebers resigniert. Doch Hoffnung besteht, denn schon als Kind erhielt der kleine Andreas von seiner schlesischen Mutter den Rat: „Wenn Du Dir was wünschst, mach die Augen zu, und alles, was Du siehst, gehört Dir.“

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