Kolbermoor – „Grias eich miteinand, mia san der Matthias und die Maria…“ – wer sich so locker in einem ausverkauften Konzertsaal vorstellt, der muss entweder eine unglaubliche Chuzpe besitzen oder will sich nicht verstellen, sondern einfach nur mit Spaß und Freude musizieren. Letzteres – gepaart mit großer Leidenschaft und Virtuosität – war der Fall beim Konzert von „Two Well“ im Kesselhaus.
Blind verstehen sich die Geschwister Maria (Cello) und Matthias Well (Geige), aber das ist auch kein Wunder, liegt ihnen doch als dritte Generation der berühmten Well-Familie (Biermösl-Blosn, Wellküren) die Musik quasi im Blut. Die beiden mehrfach ausgezeichneten Künstler, seit 2008 von der Yehudi-Menuhin-Live-Music-Now-Stiftung gefördert, passten hervorragend in die Nightingale-Konzertreihe, die der Priener Bassbariton Thomas Schütz ins Leben gerufen hat.
Spannend, wie von Schütz angekündigt, war das Programm mit Musik aus aller Welt und aus allen Epochen, witzig und humoristisch anmoderiert von den beiden jungen Well-Geschwistern. So gab es zuerst aus Erwin Schulhoffs Duo für Geige und Cello den zweiten Satz im allegro giocoso, eine Zingaresca, die durch ihre spieltechnischen Raffinessen und ausgewogenen Dialog begeisterte, ehe es klassisch-barock mit einem dreisätzigen Duett Jean Baptiste Brevals nicht minder raffiniert weiterging.
Zwischen Impressionismus und russischer Folklore bewegten sich vier Sätze aus Reinholds Glieres „Huit morceaux“, dann folgten die Beerdigungs- und Trauerlieder „Funeralissimo“, ein Herzensprojekt von Matthias, der als Gewinner des Fanny-Mendelssohn-Förderpreises 2016 ein CD-Projekt verwirklichen konnte. Daraus spielten die beiden das irische „Danny Boy“, das bayerische „Dort oben“ und den Allerseligenjodler – inniglich, unverkitscht und berührend.
Weiter ging es auf der musikalischen Reise nach Indien: „Den Raga spielt der Geiger im Schneidersitz“, so Matthias, und – gesagt getan – setzte er sich und improvisierte eine mit Vierteltönen garnierte Melodie rund um zwei Haupttöne, während Maria auf dem Cello „den schwierigen herausfordernden Part“ (so Maria augenzwinkernd zum Publikum) mit einem einzigen gestrichenen Ton hatte.
Von einer 1000 Jahre alten schottischen Weise wechselten die beiden mühelos zur bayerischen Polka, ehe ein Stück im Sinne einer Bachschen Chaconne, bei der Matthias mit einem kleiderbügelartig gefalteten Bogen grandios aufspielte, den ersten Teil des Programms abschloss.
Munter und rhythmisch herausfordernd ging es nach der Pause weiter: Sei es das ansprechende Stück „Present“ von Ondrej Kukal, der „Tango“ von Astor Piazzolla oder die „Gymnopedie No 3“ von Erik Satie – alles wirkte klar-emphasiert, unaufgesetzt und federleicht.
Ganz anders dann der „St. Infirmary Blues“, das war Jazz und Blues in einem, New Orleans in Kolbermoor – großartiges „Ohren-“Kino, dem sich ein Stück namens „Matchpoint“ anschloss. Wie im Sport wetteiferten hier zwei Instrumente in Dissonanzen und Harmonien, lieferten sich dazwischen geworfene Tennisbälle als Synonym für das menschliche Zusammenleben ein wahres Match.
„Quasi als Zugabe“ präsentierten die beiden Well-Geschwister „Mein Hut, der hat drei Ecken“ – das ursprünglich neapolitanische Volkslied hier in einer mutierten variationsreichen Fassung für Geige und Cello dargeboten, gefolgt von einem „irischen Walzer aus Irland“ – Klassik mit Augenzwinkern, lässig, leicht, bayerisch-unverstellt, und dennoch hochvirtuos – ein grandioser Abend.