Ache(n) und Alz

von Redaktion

Wie hieß es doch gleich wieder am dritten Septembersamstag im NDR: „Heute hamm in München wieder die Wiesen begonn‘n!“ Sollte man da eher lahca oder woana? Die „Wiesn“, ob das Münchner Oktoberfest oder das Rosenheimer Herbstfest damit gemeint ist, steht hier in der Einzahl, nicht in der Mehrzahl!

Eine gute Lernhilfe für unsere nördlichen Landsleute wäre das Hinweisschild „Tiroler Achen“ an der Autobahnausfahrt Grabenstätt der A8. Die Autofahrer überqueren hier nur einen, nicht etwa zwei oder mehrere Flüsse! Schon im „Bayerischen Wörterbuch“ von Johann Andreas Schmeller steht neben dem Eintrag „Die Ach“ an zweiter Stelle: „die Achen“, also eine Einzahlform, die auf -n lautet. Die bairische Aussprache variiert laut Schmeller folgendermaßen: „àhh, àhhan“ – das à steht für ein kurzes, offenes o wie in Englisch „not“, das zweite a bei àhha ist hell und ebenso wie das -n nur schwach hörbar – und „óh, óhha“ – das ó ist laut Schmeller „das gegen u schwebende o“.

Zu hinterfragen ist bei Schmellers Eintrag „Achen“ die Schreibung des nicht gesprochenen Lautes e: Besser wäre es hier wohl „Tiroler Achn“ zu schreiben. Man vergleiche: A Brezn, a Hosn, a Wiesn. Siehe oben!

Aber der Fall ist komplizierter als man denkt. Rudi Mörtl, Vorstand des Vereins „Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn“, berichtet, die einheimische Bevölkerung, die an der Tiroler Ach(e)n wohnt, lehne das n im Namen kategorisch ab! Sie plädiere vielmehr für standarddeutsch „Tiroler Ache“ und bairisch „Oha“ (wie bei Schmellers „àhha“).

Nun, die althochdeutsche aha, später ahe, gehört zur n-Deklination. Dies bedeutete in der Zeit ab 1050 eine Dominanz der Endung -n bei Wörtern dieser Wortklasse (Deklination): Nur im ersten Fall Einzahl (Nominativ Singular) existierte in Wörtern wie Zunge oder Ache das e der Endung; alle anderen Fälle lauteten auf -en, in der Einzahl wie in der Mehrzahl. So kommt es nicht überraschend, was Karl Weinhold 1867 in seiner „Bairischen Grammatik“ vermerkt: „Im übrigen führt der dialect die Endung -n auch in den Nominativ Singular ein, also (…) die Hauben, Kirchen, Stuben, (…)“.

Wer aber also „Oha“ sagt, hat tatsächlich ein altes „Ach(e)n“ als Grundlage. Man vergleiche nämlich: lachen ist bairisch „laha“, machen ist „maha“. Nach dem ch-Laut wird das -n bei uns zum -a!

Die Ache(n) mündet in den Chiemsee als ein germanisches Gewässerwort, das ursprünglich „ahwo“ lautete. Sie ist urverwandt mit lateinisch aqua und bezeichnet ein Fließgewässer.

Die Alz fließt bei Seebruck dagegen als keltisches Wasserwort aus dem Chiemsee heraus. Sie könnte keltisch „Altisia“ gelautet haben, wofür die alten (eingedeutschten) Belege „Alezussa“ (815) und „Alzissa“ (832) sprechen. Die keltische Grundlage überrascht nicht, entspringt die „Oiz“ ja bei Seebruck, dem ursprünglich keltischen Bedaium. Albrecht Greule hält in seinem „Deutschen Gewässernamenbuch“ das keltische Wort „alta“ in der Bedeutung „Schlamm, Sumpf“ für die beste Namenserklärung, weil „der Fluss durch sumpfiges Gelände an zwei wichtigen Stellen ausgezeichnet ist“. Die Realprobe siegt!

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