Das Pfauenauge im Blick

von Redaktion

Vielgestaltige Installation von Balz Isler in der Rosenheimer Heilig-Geist-Kirche

Rosenheim – Einen Kirchenraum für eine künstlerische Rauminstallation zu nutzen, das bietet sich in der Heilig-Geist-Kirche an. Das in der Fußgängerzone gelegene spätgotische Gotteshaus, das nicht täglich für liturgische Zwecke benötigt wird, ist nicht zu groß für eine intime Raumwirkung und nicht zu klein für eine großzügige Arbeitsmöglichkeit. Im Rahmen der jährlich einmal stattfindenden Reihe „Volto“ – italienisch für Antlitz – zeigt heuer der aus Zürich stammende und in Hamburg und Berlin lebende Künstler Balz Isler seine Rauminstallation „Ent-“. Der seltsam anmutende Titel beruht auf ebendieser Vorsilbe, im Griechischen „Apo-“ – so bei „Apostel“, dem „Entsandten“.

Isler zeigt fünf Exponate: eine Kombination aus einer Stele, einem Aufsteller mit zwei Motiven, drei übermalten Fotos und einer Türgestaltung oberhalb der Wendeltreppe. Eine buntbedruckte, handbearbeitete Fahne flattert außen an der Kirchenfassade und gibt das Muster eines Pfauenaugen-Schmetterlings wieder.

Eine Installation „aus einem Guss“ schaut anders aus, wie etwa bei Volto 1 die Lichtarbeit „Raumtaster“ von Kerstin Ergenzinger im Vorjahr. Ein optischer Zusammenhang vermittelt sich nicht, zu verschieden sind Formen, Materialien und Positionierungen. Ein Zusammenhalt muss sich anders erschließen – über den Titel, wie Dr. Ulrich Schäfert vom Kunstpastoral der Erzdiözese erläuterte, nämlich das Präfix „Ent-“.

Bei der Begehung des Kirchenraums entdeckte Isler im Juli im Glockenturm ein totes Pfauenauge. Das farbenprächtige Insekt entpuppte sich für den Schweizer Künstler als Dreh- und Angelpunkt seiner konzeptuellen Arbeit. Auffällig ist mitten im Kirchenraum die mannshohe Stele „Steinhaufen“, die aus einem mit Pappe verkleideten Drahtgestell besteht, um dessen Formen der 37-jährige Isler buntbedruckten Jersey-Stoff geschnürt hat. Abgebildet sind Steine, die er fotografiert und auf den elastischen Untergrund gedruckt hat. Eingebunden ist das Material sowohl mit weißen Jersey-Streifen als auch mit festen Sisalschnüren, die lose auslaufen.

Der in der Nähe befindliche „Aufsteller“ zeigt auf der einen Seite eine Hand mit zwei gekreuzten Fingern, also das gedachte „Entkommen“ aus einem Schwur, sowie auf der anderen Fläche den Blick auf eine leicht geöffnete schwarze Tür, die den Weg zum Licht weist.

Einen Blick ins Unendliche suggeriert die „Alltreppe“ oberhalb der einst von Sepp Hamberger geschaffenen Wendeltreppe. Auf die gotische Tür hat Isler digital zusammengefügte und übermalte Fotos des nächtlichen Sternenhimmels appliziert. Unterhalb der Empore im Eingangsbereich findet sich „Dreieraufstieg“, zwei mit schwarzem Lack übermalte Dekorfotos mit Waldmotiven sowie ein kleines schwarzgrundiges Gemälde mit weißen Larven- oder Samenkornformen, die den Waldboden instrumentalisieren.

Die vier mal ein Meter messende durchscheinende Fahne draußen zeigt die digitale Überarbeitung der Fotografie des Pfauenauges. Schäfert, der mit Max Erbacher die Ausstellung kuratiert hat, erklärt, dass der Schmetterling, der sich im Laufe seiner Existenz „entpuppt“ und „entschwebt“, im christlichen Kontext mit Sterben und Tod, Verwandlung und Transformation, Auferstehung und neuem Leben assoziiert wird.

„Balz inszeniert hier pures Schauen“, auf das man sich einlassen solle und zu dem man frei assoziieren dürfe, gibt Erbacher als Hinweis zur Annäherung an diese Kunstinstallation. Damit der Betrachter den erdachten Zusammenhang der so unterschiedlichen Exponate nachvollziehen kann, liegen im Eingangsbereich Kopien mit Schäferts Gedanken zu „Volto 2“ aus. Es wäre gut, diese Schrift in Augenhöhe anzubringen, um sie Besuchern deutlicher zugänglich zu machen.

Bis 25. November

Die Kunstinstallation „Ent-“ von Balz Isler ist in der Rosenheimer Heilig-Geist-Kirche täglich von 8 bis 18 Uhr zu sehen. Am Sonntag, 25. November, findet um 15 Uhr eine Bild-Meditation von Dr. Ulrich Schäfert und eine „Lecture-Performance“ des Künstlers statt.

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