Rosenheim – Der Kulturpreis der Stadt Rosenheim 2018 geht an den Schriftkünstler und Typografen Josua Reichert. Im Rahmen einer Feierstunde im Großen Sitzungssaal des Rathauses nahm Reichert aus den Händen von Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer diesen mit 5000 Euro dotierten Preis entgegen.
Josua Reichert wurde 1937 in Stuttgart geboren, studierte vor allem bei HAP Grieshaber, eröffnete 1960 seine eigene Werkstatt in München und wohnt seit 1972 in Haidholzen.
Gabriele Bauer bezeichnete Josua Reichert, der schon vielfach preisgekrönt ist und mehr als 200 Ausstellungen hatte, als einen der wichtigsten deutschen bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart auf dem Gebiet der Druckgrafik. Aufgrund „der immensen Belesenheit des Künstlers und seines hohen Anspruches an sich selbst“ nannte Bauer den Preisträger „einen Schrift-Gelehrten in des Wortes doppelter Bedeutung“. Sie freue es sehr, dass zwei seiner Werke das Rathaus zieren, darunter vor allem „Rosenheims fliegender Teppich“ an der Decke des kleinen Sitzungssaales mit einem antiken Palindrom.
In ihrer Laudatio charakterisierte Elisabeth Rechenauer aus Oberaudorf Reicherts Kunst: In seinen Typobildern gestalte Reichert Buchstaben zu freien Formen und Figuren. Er bezeichnet diese Bilder als „Poesia Typographica“, also eine „Poesie ohne Sprache, aber mit Schrift und Buchstaben“, es seien Bilder mit dechiffrierten Buchstaben, neu zusammengesetzt zu Buchstabenarchitekturen und Buchstabenlandschaften mittels Kompositionen aus Kreisen, Punkten, Linien, Dreiecken und Rechtecken. „Mit schier überbordender Fantasie spielt der Künstler mit der Varianzbreite der Typografie, lotet deren Zerlegung und Neuanordnung aus.“
Er drucke in lateinischen, griechischen, kyrillischen, arabischen und hebräischen Lettern. „Das meisterhafte Zusammenspiel von Typografie und Text verschmilzt in seinen Bildern zu einer Einheit, die Lesen und Sehen erfordert. Schrift und Literatur werden zu bildender Kunst – zum Kunstwerk“, resümierte die Laudatorin.
Kurz und humorvoll hielt Josua Reichert seinen Dank: Auf eine Frage, wieso er all dies könne, antwortete er in seinem heimatlichen schwäbischen Dialekt: „Des woisch i halt, des kann i halt, des mach i halt – und jetzt gang i halt!“
Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde von dem Saxofonisten Valentin Preißler, der selber Förderpreisträger ist, und dem Gitarristen Philipp Schiepeck mit Jazz-Stücken, die extra für diesen Anlass komponiert wurden. „Kultur schafft Kultur“, meinte dazu Valentin Preißler.
Rainer W. Janka