Kolbermoor – Es war die „Nacht der Nächte“, als vom 7. auf den 8. November 1918 in Bayern die Revolution ausbrach, die Monarchie gestürzt und Bayern zum Freistaat wurde. Aus Anlass der dramatischen Ereignisse vor 100 Jahren las Autor Norbert Göttler in der Stadtbücherei aus seinem Roman „Roter Frühling“ ausgewählte Passagen.
Der studierte Historiker zeichnet in seinem „Roman der Räterepublik“ ein vielschichtiges Bild von München nach dem Ersten Weltkrieg und schildert die Novemberrevolution aus der Sicht der kleinen Leute.
In seinen einführenden Worten wies Christian Poitsch vom Stadtmarketing Kolbermoor auf die große Bedeutung der Ereignisse vom November 1918 hin und stellte Bezüge zur Gegenwart her. Damals sei nicht nur das Frauenwahlrecht, sondern auch der Acht-Stunden-Tag eingeführt worden. In einer Mischung aus Lesung und Studiogespräch vermittelte Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler den Zuhörern ein anschauliches Bild der Revolutionszeit.
„Ich verwende die Geschichte nicht als Steinbruch“, erläuterte Göttler seine Arbeitsweise. Vielmehr recherchiere er genau, wolle durch seine narrative Geschichtsschreibung die Wirklichkeit wiedergeben und den Lesern einen empathischen Zugang zu Personen und Ereignissen verschaffen.
Im Roman treten drei frei erfundene Hauptpersonen auf: eine junge revolutionäre Künstlerin, ein junger Mann aus dem Münchner Bürgertum, der verbittert und morphiumsüchtig als Soldat aus Frankreich zurückkehrt und ein Deserteur, der sich der Roten Armee anschließt. Protagonisten der Revolution wie Kurt Eisner oder Ernst Toller spielten nicht die Hauptrolle, da keine Belege dafür existierten, was sie genau gesagt haben, so Göttler. Im Epilog unterscheidet der Autor, der sich zugleich als Schriftsteller und Historiker sieht, wissenschaftlich präzise, was in seinem Roman wahr ist und was Fiktion.
Die erste Passage las Norbert Göttler über den letzten bayerischen König Ludwig III, der, müde und einsam, der revolutionären Stimmung in München hilflos gegenüber stand. Zudem berichtete der Autor atmosphärisch dicht von einer Hamsterfahrt aufs Land. Impressionen aus dem roten Dachau, wo zwischen Revolutionären und Weißgardisten die so genannte „Schlacht um Dachau“ stattfand, beendeten die Lesung.
Dass die Revolution, die bis Anfang Mai 1919 dauerte, auch in Kolbermoor mit der Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn blutig niedergeschlagen wurde und die Justiz beim Verhängen der Strafen auf dem rechten Auge blind war, zeigte der Autor, indem er den Zuhörern die unterschiedliche Anzahl der Toten auf beiden Seiten und das milde Urteil etwa gegen den Mörder von Eisner bewusst machte. Für seine lebendige und informative Lesung erhielt Göttler anhaltenden Beifall.