Erlesene Musik aus Böhmen

von Redaktion

Streichquartettabend mit dem Sojka-Quartett aus Pilsen im Rosenheimer Künstlerhof

Rosenheim – Böhmen liegt laut Shakespeare zwar am Meer, musikalisch scheint es aus deutscher Sicht eher hinter den sieben Bergen zu liegen, trotz des populären Duos Smetana und Dvorak: Wer zum Beispiel kennt etwa den Mozart-Zeitgenossen und Haydn-Schüler Antonin Kammel?

Der Tonkünstlerverband Südostbayern hat das Sojka-Streichquartett aus Pilsen zu einem exzellenten Kammermusikabend in den Rosenheimer Künstlerhof geladen. Die „Musik aus Böhmen“ war eine Mischung aus bestens Vertrautem, sowie (noch?) unbekannten Kostbarkeiten: nämlich Antonin Kammel und Roland Leistner-Mayer.

Letzterer wurde 1945 in Kraslice/Graslitz geboren, lebt aber seit Jahren schon in Brannenburg. Sein Streichquartett Nr. 7 op.151 stand im Mittelpunkt des von Smetana und Dvorak umrahmten Programms.

Die vier Musiker, sympathisch uneitel, locker und entspannt, nahmen sofort durch ihr musikantisch pulsierendes, gleichwohl hochkonzentriertes Spiel gefangen. Martin Kos und Martin Kaplan bedienten die Violinen, Josef Fiala spielte die Bratsche und die einzige Frau, Hana Vitková saß am Cello. Die Formation hatte in der Prager Musikhochschule zusammengefunden, und seit 2009 erweitert das Quartett seinen Aktionsradius mehr und mehr. Zuletzt traten die Vier in Japan auf.

Zu Beginn also Antonin Kammel: spritzig, einfallsreich, aber dicht im Gewebe – die strenge Schule von Papa Haydn ist unverkennbar. Die zauberhaft anmutigen Klänge scheinen direkt aus den Schlössern von Eichendorffs „Taugenichts“ herüber zu tönen.

Friedrich Smetanas 2. Streichquartett in d-moll stammt aus seinem letzten Lebensjahr. Zerrüttete Ehe und Gesundheit haben ihre Spuren hinterlassen. Und doch ist diese Musik nie weinerlich, immer wieder behaupten sich vitale und tänzerische Partien. Meisterhaft gelingt es den Musikern, die Übergänge, die Farbwechsel und Modulationen plastisch herauszuarbeiten.

Leistner-Mayers Opus trägt den Titel „Ariadne-Quartett“: So wie Theseus einst mit Hilfe des „Ariadne-Fadens“ heil aus dem Labyrinth entkam, so wollte der Komponist sich Klarheit und Kontrolle über sein Leben verschaffen. Gedankenfülle, die schlackenlos sich in Form umsetzt und nicht als literarischer Ballast im Wege steht, kennzeichnen dieses ambitionierte Werk. Pastellfarbene, gedeckte Klänge schichten sich zu Beginn, molto Adagio und auch molto espressivo. Darauf folgt ein fast keck-unbekümmertes Scherzo, nicht eindimensional, sondern aufgefächert in unterschiedliche Stimmungen. Das Herzstück ist dann der dritte Satz, molto moderato: Da wird resümiert und Bilanz gezogen. Aber diese Selbsterforschung ist eingebettet in eine herbe Schönheit, der man sich nicht entziehen kann. Im abschließenden, dahinjagenden Presto ist dann hörbar der Ausgang des Labyrinths erreicht.

Abschluss mit Dvoraks Streichquartett Nr. 13 in G-Dur. Ein Werk, das beglückende Melodik mit vielschichtiger Harmonik verbindet; voller Überraschungen, doch formal schlüssig und logisch disponiert. Eine Herausforderung für die Interpreten, eine Seiltänzerei ohne Netz, großartig! Zugabe? Natürlich Dvoraks fulminanter 3. Satz aus dem „amerikanischen“ Quartett.

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