Bad Aibling – Seit nun beinahe 20 Jahren schaffen es die Organisatoren des Guitarren-Festivals erstaunlicherweise immer wieder, neue und reizvolle Glanzpunkte der Saitenmusik zu setzen.
Einer der stets wiederkehrenden Höhepunkte des Festivalprogrammes ist „Guitarissimo“, die lange Nacht der großen Gitarren-Künstler. Größer und umfassender könnte die Interpretation von Musik auf diesem Universalinstrument kaum sein. An diesem Abend reichte die Spannweite vom französisch-argentinischen Paar-Duo Talisman bis hin zum niederbayerischen Bluesman Mano Maniok.
Dieser bot mit seinem Einstieg musikalisch und optisch eine Mischung aus Willi Nelson und Willy Michel. Sein Blues, selbstverständlich selbst geschrieben, entführte auf die Baumwollfelder im tiefem Süden des USA, hervorragend korrespondierend mit Deutschlands tiefem Süden, Niederbayern. Was er dazu auf seiner „Blues harp“ der speziellen Mundharmonika zauberte, rief so manche Gänsehaut hervor.
Größer (und großartiger) konnte ein Gegensatz kaum sein, als das Trio Alegrias übernahm. Die drei Konzertgitarristen Klaus Wladar, Dimitri Lavrentiev und Takeo Sato produzierten auf ihren Instrumenten ein Medley mit Arrangements aus der Oper „Carmen“, das alle anderen Instrumentierungen vergessen ließ. Dabei bewiesen sie unter anderen, dass man aus einer Gitarre auch Kastagnetten-Klänge herausholen kann. Mit dem Stück „Cross Roads“ zauberten sie plastisch-akustisch ein Roadmovie auf die Bühne, bei dem man jeden Bremsvorgang, aber auch die Beschleunigungen schier körperlich mitempfand.
Eine wahre Eruption auf der Gitarre war mit dem Südafrikaner Derek Gripper zu erleben. Akustische Exzesse und zarteste Sphärenklänge vereint dieser Künstler in unglaublichen Harmonien. Gehämmerte Akkorde die zügellos ausschweifend zu liebkosendem Saitenstreicheln führen – und dies in unvorhersehbarer Abfolge –, das ist so kaum je auf irgendeiner Bühne zu hören. Afrikanische Savannenklänge mit europäischer Präzision – den Veranstaltern ist zum Engagement dieses Künstlers zu gratulieren.
Das gilt allerdings nicht weniger dem Auftritt des Duos Talisman. Der französische Gitarrist Laurent Boutros ist alleine bereits ein virtuoser Künstler. Aber wie seine Partnerin, die Ballerina Julieta Cruzado, seine Musik tanzend sichtbar macht, das ist wirklich große Kunst. Ob einen schmelzenden Musettwalzer, ob Musik von Johann Sebastian Bach; als wäre die Tänzerin von der Gitarre ferngesteuert, setzt sie Melodie und Rhythmus in Bewegung um: Ein wahrer Schmaus für Augen und Ohren.
Handelte es sich vor der Pause gewissermaßen um die Vorstellung der beteiligten Künstler, so ließen diese danach ihrer Musikalität freien Lauf. Ob das Country und Rhythm’n’Blues bei Mano Maniok und seinem Leadgitarristen Siegfried Soll waren, oder ob Derk Gripper bewies, dass seine Gitarre auch Bachs Goldberg Variationen kann.
Das Trio Alegrias präsentierte Themen aus der Nussknacker-Suite und ließ dabei die Melodieführung von Instrument zu Instrument springen.
Kurz, es war ein Abend der Höchstleistungen und das Publikum lohnte es mit frenetischem Beifall. Es war geradezu zwingend, dass beim Schlussdefilee, bei dem alle diese unterschiedlichen Künstler ein gemeinsames Stück vorstellten, das Publikum aus voller Brust mitsang: „Knocking on Heaven’s door“.