Bad Aibling – Dank einer Förderung des Berliner Senats konnte Jazz-Musiker Peter Gall für sein erstes Soloprojekt „Paradox Dreambox“, Mitstreiter gewinnen, die allesamt in der internationalen Jazzszene als hochdekorierte Preisträger in eigenen Formationen oder, wie Pianist Rainer Böhm, an Musikhochschulen tätig sind. Der 35-jährige Schlagzeuger und gebürtige Aiblinger Gall stellte sein erstes Werk dem regionalen Publikum in der Buchhandlung Librano in Bad Aibling vor, und es war nicht zu bemerken, dass die fünf Musiker gerade zwei äußerst anstrengende Auftritte in Frankfurt und in Neuburg hinter sich hatten.
Mit zwei geografisch inspirierten Titeln („4 West“, eine Adresse in New York und „Faro“, nach einem Urlaub an der Algarve komponiert) zeigte das Quintett gleich die wesentlichen Elemente der Gall’schen Kompositionen: Aus fast zufällig anmutenden langen Melodiebögen am Flügel (Rainer Böhm) und Saxofon (Wanja Slavin) entsteht ein Klanggeflecht, in das sich Gitarrist Reinier Baas fast improvisatorisch hineinarbeitet, um sich schließlich in Unisono-Passagen mit den beiden Instrumenten in einer klar erkennbaren Struktur zu finden. In „A Bird’s First Escape“ vertonte Gall die Geschichte eines entflogenen Vogels und Baas verbog mit seinen Saiten die Gitterstäbe des Käfigs in einer Weise, wie sie seinem musikalischen Vorbild Jimi Hendrix entsprochen hätte. Am Saxofon zelebrierte Slavin die kurze Freiheit des Vogels, bevor er mit Hilfe aller eingefangen und in die musikalische Voliere zurückgebracht werden konnte.
Mit „Yellow Heaven“, einem melancholischem Stück mit langen Melodiebögen als seelische Zustandsbeschreibung für Galls Vater komponiert, und dem Titelstück der CD „Paradox Dreambox“, das seine Dynamik aus gegensätzlichen Reibungsflächen und grandiosen Unisono-Elementen entwickelt, ging die erste Hälfte zu Ende.
Der zweite Teil begann mit einer Komposition des Pianisten Rainer Böhm, „Catalyst“, eigentlich ein Solostück, aber im Quintett durch Wanja Slavins Saxofonphrasierung mit einer enormen Bandbreite bereichert, und führte dann über „Ambrilla“, einer Hommage an den Londoner Rapper Brilla X, wobei die Breaks aus der Hip-Hop Musik von Peter Gall in den modernen Jazz integriert wurden, zu „Old Future“, das die Realität aus früheren Zukunftsträumen thematisiert.
Den Schlusspunkt setzte der Titel „Indie-A“, eingeleitet von einem dezenten, mit vielen Percussion-Elementen angereicherten Solo am Schlagzeug. Als die anderen Akteure einsteigen, nimmt sich Gall sofort zurück, aber nicht ohne die Richtung der musikalischen Reise vorzugeben.
Die Zugabe „Freedom Flower“, eine ganz frische Komposition und erst zum zweiten Mal öffentlich dargeboten, hatte Rechtsruck und Spaltung unserer Gesellschaft zum Thema und zeigte, dass moderne Jazzmusik nicht abgehoben oder nur in einem elitären Raum agieren muss.