Prien – Es gibt Konzerte, die absolviert man in schuldiger Ehrfurcht und Bewunderung. Manchmal aber gibt es auch Ereignisse, da bleibt einem buchstäblich die Luft weg: Konzerte, die wie ein Traum überwältigen, wie ein Traum jedoch, der nicht verblasst, sondern seine Intensität sogar steigert und in zeitlicher Distanz immer noch plastischer hervortreten lässt. So geschehen in der Pfarrkirche Prien mit Johann Sebastian Bachs „Hoher Messe in h-Moll“ unter der Stabführung von Rainer Schütz, der mit diesem Jahr in den Ruhestand verabschiedet wird. Ein Abschiedskonzert also – Motivation für alle Beteiligten, über sich hinauszuwachsen. Auch das Publikum gab sein Bestes: Zwei Stunden lang lauschte es in atemloser Konzentration – schließlich fordert Bachs h-Moll-Messe ein nicht geringes Durchhaltevermögen. Aber der Lohn für die Mühe bleibt nicht aus – es häufen sich die Glücksmomente!
Informiert man sich im Programmheft über Rainer Schütz‘ Ämter und Tätigkeiten, so fragt man sich unwillkürlich, wie viele Stunden muss wohl der Tag dieses Musikers haben? Freilich erschöpft sich die Aktivität von Rainer Schütz nicht in quantitativ angehäufter Betriebsamkeit; das eigentlich Frappante ist ja das durchweg an der Oberkante angesiedelte Niveau, sodass man unbedingt mit großem Respekt von einer Ära Schütz sprechen muss.
Nun aber zum Abschluss ein zentrales, wenn auch nicht direkt populäres Werk. Es fehlt durch das Latein die unmittelbare Verständlichkeit; es fehlen aber auch die von Passion und Weihnachtsoratorium so vertrauten Arien und Choräle. Im Nachlass von Carl Philipp Emanuel Bach wird diese Komposition als „Die große catholische Messe“ bezeichnet. In der Tat suggeriert der orchestrale „Pomp“ mit Pauken und Trompeten schier einen gegenreformatorischen Triumphalismus. Eine Besonderheit dieser Aufführung: Das „Barockorchester Concerto München“ musiziert ausnahmslos auf historischen Instrumenten. Das klingt keineswegs nach reduzierter Biokost, im Gegenteil: Die Instrumente entfalten eine individuelle Farbigkeit, ob es sich um die zarten Flöten (Marion Treupel-Franck, Beatriz Soares), die warm näselnden Fagotte (Leo Hauske, Sanne Vos) oder die betörend lieblich klingende Oboe (Claire Sirjacobs) handelt. Das famose Blech möge verzeihen, wenn es nur pauschal gelobt wird. Die Geiger (phänomenal Konzertmeister Dmitry Lepekhov) scheinen die Geschwindigkeit des Strichs und den Druck des Bogens auf die Saiten in minutiöser Präzision austariert und synchronisiert zu haben – schon optisch ein hoher Genuss! Der hörbare Mehrwert aber bestand in einem kernigen, durchsichtigen und doch pointierten Klang.
Den Gesangssolisten blieb nicht übermäßig viel zu tun, denn den Löwenanteil hatte Bach dem Chor aufgebürdet. Hannah Mehler konnte ihren hellen, leichten Sopran im Gloria („Laudamus te“) vorteilhaft entfalten. Der Tenor Werner Güra sang mit handfester Bestimmtheit das „Benedictus“, kräftig und akkurat. Thomas Schütz setzte seinen sensiblen Bass ein, um im Credo auf gewinnende Art den Glauben an die „unam sanctam catholicam ecclesiam“ Gestalt werden zu lassen. Ein besonders inniger Höhepunkt wurde das Agnus Dei durch die Altistin Elvira Bill. Ihre beseelte Stimme, die auch in tieferer Lage noch strahlte und die Spannung nie abreißen ließ, erzählte von den „Sünden der Welt“ ohne zerknirschte Frömmelei mit ruhigem Ernst.
Eine besondere Symbiose muss wohl zwischen Rainer Schütz und seiner „Capella Vocale“ bestehen: Der Chorklang wie poliert, gleichsam von innen erleuchtet. Schwerelos gelangen den Frauen die exponiert hohen Partien; nicht Noten wurden gesungen, sondern Linien, Phrasen, Melodiebögen! Die Männerstimmen, sonst oft Mangelware, standen selbstbewusst „ihren Mann“. Schütz wagte relativ schnelle Tempi, die genau kalkuliert waren. Denn stets blieb die Detailarbeit unangefochten. Ungenaue Alfresco-Pinselei ist Rainer Schütz fremd.
Die Ovationen waren erwartungsgemäß „nicht enden wollend“. Begeisterung mischte sich mit Wehmut. Aber ein kleiner Trost bleibt: Ende Dezember gibt es noch als aller-, allerletztes Konzert mit Rainer Schütz das Weihnachtsoratorium!