Federleicht und explosiv

von Redaktion

„Saitensprünge“ Vivi Vassileva und Lucas Campara Diniz setzen fulminanten Schlusspunkt

Bad Aibling – Rhythmisches Klopfen auf dem Deckel, tiefe Töne wie von einer Basstrommel, Stakkato, Klangwirbel und furiose Techno-Tanzbeats. Vivi Vassileva hatte ein fünfminütiges Percussionsolo auf einer halbvollen Mineralwasserflasche abgeliefert und das Publikum bei den „Saitensprüngen“ stand Kopf ob der ebenso überraschenden wie explosiven Präsentation.

Und so ist die Flasche bei der Trägerin des Bayerischen Kunstförderpreises im übertragenen Sinn halbvoll, denn auf der Basis einer hervorragenden musikalischen Ausbildung und rasanter Karriere erschließt Vassileva neue Möglichkeiten. Da es für „ihre“ Instrumente Schlagzeug, Marimba und Vibraphon in der klassischen Musik wenig Literatur gibt, setzt sie auf die Zusammenarbeit mit aktuellen Komponisten. Jährlich entstehen so 200 bis 300 moderne Stücke, außerdem ist es für sie reizvoll, „Klassiker“ auf die Instrumentierung anzupassen und umzuarrangieren.

Gemeinsam mit dem brasilianischen Gitarristen Lucas Campara Diniz, seinerseits Träger verschiedener südamerikanischer Musikpreise, gestaltete sie das Abschlusskonzert des Bad Aiblinger Gitarrenfestivals als hochkarätige Demonstration musikalischer Perspektiven und klanglicher Möglichkeiten, ohne die Klassik auszublenden.

Nach beschwingtem Auftakt als Duo mit Gitarre und Vibraphon widmete sich Vassileva der großen Rahmentrommel, einem archaischen Instrument. Dann gehörte Campara die Bühne: Er intonierte eine Trilogie von „Gaucho“-Kompositionen, mit folkloristischen Elementen, aber auch Anklängen an moderne brasilianische Gitarrenmusik.

In „Pour la Mer“ setzte Campara das Aufbranden und Abebben des Meeres in virtuose Gitarrenklänge um, ein höchst reizvolles Stück. „El Parió“ erklang wieder im Duo, mit federleichten, inniglichen und melodischen Passagen, angereichert von einer kurzen Standtrommeleinlage. In ebenso harmonischem In- und Miteinander durfte das Publikum Bachs Italienisches Konzert und die „Auberge du clou“ von Claude Debussy genießen, beide Stücke hochkonzentriert, präzise und mit lyrischer Tiefe gespielt, ebenso wie die „Sonate D-Moll“ von Scarlati. Letztere war hochdynamisch mit intensivem Grundrhythmus – spannend!

Das eh schon grandiose Konzert erfuhr noch eine weitere Steigerung, nämlich mit den „Cuatro Estaciones Porteñas“, mit denen der Komponist Astor Piazzola auf Orchesterbasis und Bandoneonbegleitung einen Eindruck der vier Jahreszeiten in Buenos Aires vermitteln wollte. Diese 20-minütige Abfolge von „Verano“, „Otoño“, „Invierno“ und „Primavera“ beinhaltete ein breites Spektrum von Melodien, Tempi und Rhythmen – das Duo Vassileva und Campara zog sämtliche Register und zauberte den „Tango Nuevo“ in den Kursaal. Es war klar, dass die beiden nach dieser hochklassigen Darbietung nicht so einfach entlassen wurden: Mit einem fröhlichen „Oberschenkeltanz“ für Gitarre und Vibraphon und einem eigentlich für Violinen geschriebenen und umarrangierten Stück verabschiedeten sich die beiden jungen Ausnahmemusiker bei herzlichem und lang anhaltendem Applaus.

Es war der Schlusspunkt der neunzehnten „Saitensprünge“, die sich in diesem Jahr mit erstaunlicher Bandbreite verschiedenste Saiteninstumente präsentierten, von mongolischer Pferdekopfgeige über Banjos und Violinen bis hin zum Kontrabass, auf dem sich vorzüglich Led Zeppelin und U2 spielen lassen. Das Team um Johannes Erkes, Thomas Jahn und Lisa Prem plant bereits das 20-Jährige: Am 5. November wird der brasilianische Saitenzauberer Yamandu Costa das Eröffnungskonzert der „Saitensprünge“ 2019 bestreiten.

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