Rosenheim – Kaum jemand kennt Goethes im Jahre 1797 entstandenes Gedicht „Der neue Pausias“. Der Germanist und Kulturkritiker Rainer W. Janka und die Schauspielerin Sanni Grillenbeck lasen und interpretierten den elegischen Wechselgesang zwischen einem Mann und einer Frau auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz.
Im Gedicht „Der neue Pausias“ spreche laut Janka der klassische Goethe. „Der Dichter sucht überall die verborgene Ordnung, die er im Anschauen und Beschreiben aufdecken oder gar stiften will“ erklärte der Referent. Der Maler Pausias ist in die junge Glyceren verliebt, die Blumenkränze windet und einen erfinderischen Geist hat. Beide wetteifern miteinander, wie man das bestehende Glück festhalten kann.
Goethes Gedicht besteht aus drei Teilen. Zunächst sprechen beide über ihre Liebe, was aber sofort in eine grundsätzliche Diskussion über Kunst, Wirklichkeit und Liebe mündet. Goethe arbeite laut Janka mit erotischen Motiven, etwa der Rose und Nelke. Der Dichter thematisiere zudem die Dialektik von Öffentlichkeit und Privatheit. „Die Liebe verknüpft, ordnet und segnet die Wirklichkeit“, so Janka. „Aus dem realen Chaos macht sie einen sinnvollen Kosmos.“
Im zweiten Teil erinnern sich beide an den ersten Blumenkranz und den Tag, an dem sie sich kennengelernt haben. Goethe erzählt einen gewalttätigen Vorfall: Pausias Nebenbuhler, der rohe Timanth, wird handgreiflich, es kommt zum Kampf. Wo aber allein die reine Sinnlichkeit herrsche, so der Germanist, gebe es Chaos und Gewalt. Nur ein feinerer Sinn könne die von Timanth verkörperte rein geschlechtliche Erotik sublimieren.
Der dritte Teil schließlich behandle die Themen Suchen und Finden, Öffentlichkeit und Privatheit, Liebe und Kunst. Die Liebe sei privat und müsse immer erst wieder bestätigt und erneuert werden. Die Blumenbinderin sei laut Janka die wirkliche, tatsächliche Liebe, denn sie vereinige Dichtkunst und Malkunst. Im argumentativen Wechsel-Liebes-Gesang, der zwischen beiden auf intellektueller Augenhöhe stattfindet, entscheide am Ende das Mädchen den Wettstreit.
„Dichtung“, erklärte Janka resümierend „ist die Kunst der Erinnerung.“ Die Leidenschaften, die sie birgt, seien wirklich, aber erinnert. Dichtung, zitierte der Germanist den Goethe-Biographen Nicholas Boyle, sei zugleich als vergangene Erinnerung gegenwärtig und als tätiges Symbol wirklich. Goethes Dichtung bleibe als Ding an sich ein unausgesprochenes, aber, wie Janka nicht ohne Bewunderung hinzufügte, ein unendlich süßes Geheimnis.
Georg Füchtner