Prien – Mit dem Ende dieses Jahres geht Rainer Schütz, hauptamtlicher Kirchenmusiker der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Prien, nach einem beeindruckenden finalen Konzert-Feuerwerk in den Ruhestand. Wir haben ihn zu seinem langen Wirken befragt. Völlig entspannt sitzt er auf dem Sofa des kleinen plüschigen Rosenheimer Cafés.
Lieber Herr Schütz, nach 36 Jahren als hauptamtlicher Kirchenmusiker in Prien, daneben auch 20 Jahre als Leiter des damaligen Rosenheimer Musikvereins, gehen Sie jetzt in den Ruhestand. Wie fühlen Sie sich?
Ja, es wird irgendwann Zeit, ich will auch nicht zu spät gehen, um das, was aufgebaut worden ist, gut weitergeben zu können.
Wie sind Sie speziell zur Kirchenmusik gekommen?
In Seeshaupt bin ich geboren, in Kirchanschöring bin ich aufgewachsen, später bin ich im Internat in St. Ottilien gewesen. Dort ist die Liebe zur Kirchenmusik geboren, dort hab ich schon bei den Messen Orgel gespielt. Dann hab ich in Regensburg an der Kirchenmusikhochschule studiert und dort viel lernen können, auch bei vielen Meisterkursen. Was mich geprägt hat, waren die Schallplattenaufnahmen mit Hanns-Martin Schneidt, für die ich mit den Regensburger Domspatzen die Einstudierung für Bachs Johannespassion und das Weihnachtsoratorium machen durfte.
Wie sind Sie denn als Chordirigent zu den Regensburger Domspatzen gekommen?
Im Fach Kontrapunkt hatte ich an der Musikhochschule den Domkapellmeister Georg Ratzinger. Der hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Chordirigent bei den Domspatzen zu werden. Da hab ich gesagt: „Ich bin kein Domspatz, da hab ich, glaub ich, nicht so die Fähigkeiten.“ Da hat er nett und warmherzig gesagt. „Des schaffen‘s schon!“ Dann hab ich zuerst bei ihm hospitiert und von ihm gelernt, hinter die Noten zu sehen. Der Anfang war nicht ganz einfach. Ich hatte dann einen Chor mit 60 Knaben- und 30 Männerstimmen.
Wie war die Zusammenarbeit mit dem Domkapellmeister Georg Ratzinger? Wie schätzen Sie ihn als Chordirigent?
Ich schätze seine Menschlichkeit. Er hat Anteil an seinen Sängern genommen. Natürlich konnte er bei der Arbeit auch zornig werden. Karl Böhm hat mal zu ihm gesagt, er habe singende Hände – eigentlich ein Ritterschlag, dieses Diktum. Er hatte eine suggestive Kraft, die die Stimmbildung klarmachte und den unverwechselbaren Klang der Domspatzen weitergeführt hat. Und da durfte ich teilnehmen! Es war eine fantastische Zeit.
Als Sie dann eine ganz eigene Kirchenmusikerstelle wollten: Warum gerade in Prien?
Es lief damals alles super, aber ich habe gespürt: Das ist nicht alles, der musikalische Ausschnitt war mir nicht groß genug. Das Zweite war: Ich fühlte mich am Anfang meiner musikalischen Entwicklung – dann weiß ich schon, wie das läuft und das läuft dann 30 Jahre so! Davor hab ich vielleicht auch Angst gehabt. Dann hörte ich, da wird eine Stelle frei in Prien. Dann habe ich mich mit dem Gedanken angefreundet, dass ich weg will – zum Leidwesen des Domkapellmeisters. Ich habe mir gedacht: Eigentlich könntest Du Dir da was gestalten. Ich hab mich beworben, mich vorgestellt und wurde genommen.
Was für eine Musik haben Sie in Prien in besonderem Maße gepflegt?
(schmunzelt) Ich kam in die erste Chorprobe, wurde von einer Altistin begrüßt mit einem Blumenstrauß und hab dann angefangen mit einer A-cappella-Messe, da erhob sie sich und sagte: „Das singen wir nur in der Fastenzeit!“ Wichtig war mir altklassische Polyphonie, aber auch zeitgenössische und romantische A-cappella-Musik, am Anfang weniger instrumental begleitete Musik, weil ich den Chor als selbstständiges Ensemble entwickeln wollte. Dann kam natürlich das festliche Lokalkolorit hinzu, Mozart und Haydn, auch weil Prien bis zur Säkularisation kirchlich zu Salzburg gehört hatte. Dann hab ich den Kinderchor gegründet, relativ schnell die Capella Vocale ins Leben gerufen, damals war das der Jugendchor. Wir haben da zunächst nur gearbeitet, sind nicht aufgetreten. Das erste Konzert haben wir- aus Vorsicht – in Tittmoning gegeben. Der Chor hat dann die Aufnahme angehört und staunend gesagt: „Sind das wir?“ Das hat sie dann hoch motiviert.
Sie haben mit Ihren Priener Chören ja auch viele Konzertreisen gemacht: Woran erinnern Sie sich dabei besonders gerne?
An die Fahrt nach Arezzo und Loreto mit der Capella Vocale. Es waren herrliche Konzerte, die Impulse geschafft haben, es hatten sich Freundschaften mit anderen Chören entwickelt, aus England zum Beispiel. Das hat den Ausschlag gegeben, dass wir die moderne und schwierige Messe von Frank Martin gemacht haben. Die hat der Chor dann geliebt, die haben wir auch im Gottesdienst gesungen. Auch an die Fahrten mit der Chorgemeinschaft Prien nach Rom erinnere ich mich sehr gerne, dort haben wir im Petersdom zu Ostern die Messe „Ecce quam bonum“ von Hans Leo Hassler aufgeführt. Das war ein ganz besonderes Erlebnis.
Sie waren öfters in Rom. Wie war das?
Ja, zum Papst Johannes Paul II. sind wir wieder nach Rom gepilgert und haben bei der Generalaudienz gesungen. Das hat ihm so gut gefallen, dass er mit dem Auto zu uns gefahren ist, er blieb stehen und hat sich bedankt. Dann haben wir das Kunststück fertig gebracht, dass wir an zwei Tagen zwei Päpste besucht haben: Franziskus I. und Benedikt XVI.
Wie stehen Sie zur bayerischen Volksmusik?
(fast leidenschaftlich) Ich mag sie! Und zwar echte Volksmusik, wunderschön gesungen hat sie was unglaublich Ursprüngliches. Mozart ist ja eigentlich eine Weiterführung, ja Vertiefung der bayerischen Volksmusik.
Können Sie in Ihrer Freizeit überhaupt noch Musik hören?
Wenig – bei mir ist viel Stille. Wenn, dann höre ich mir etwas bewusst an.
Haben Sie irgendwelche Pläne für den Ruhestand?
Ich muss alles erst mal selber verarbeiten. Einen Plan hab ich: Dass ich meinem Nachfolger nichts sage, der soll alles alleine machen dürfen. Und meine Frau ist froh, dass sie mit mir jetzt öfters nach Rom zu unserer Tochter fahren darf: Ich bin ja Opa. Und ich bin ja leidenschaftlicher Skifahrer, gehe gerne in die Berge und fahre Rad. Natürlich wird mich die Musik weiter begleiten.
Sie wirken jetzt zufrieden, ja glücklich.
Ich bin mit mir im Reinen. Abschiedsschmerz gibt‘s natürlich schon. Aber ohne Schmerzen gibt’s kein Reifen. Interview: Rainer W. Janka