Rosenheim – „Bei Hans Berger ist das ganze Jahr Weihnachten!“, flüstert mir eine Mitwirkende des Rosenheimer Adventssingens noch vor Beginn der Aufführung ins Ohr. Eine spannende und zugleich sehr irritierende Vorstellung: das ganze Jahr über Weihnachten! Vor mir entstehen Bilder von nicht enden wollenden Christkindlmärkten, andauerndem Einkaufsstress mit langen Einkaufslisten, von sehr schönen aber mitunter auch anstrengenden Verwandtschaftsbesuchen, von abwechselnd Kinderlachen und Kinderweinen über erfüllte oder unerfüllte Weihnachtswünsche. Insgesamt ein immerwährend gesteigerter Weihnachtspuls.
In meine Gedankenbilder hinein schlägt Hans Berger den ersten Ton seiner Zither an – und alle Last fällt ab, die dunklen Gesichte verwandeln sich in leuchtende Mosaike. Tatsächlich fühlt man sich schon mit dem ersten Ton geborgen, getragen, bereit für dieses wundersame Geschehen, das Berger mit seinem Ensemble vor vollem Haus so furios ausbreitet.
Authentisches Glaubensleben
„Glauben ist Herzenssache“, hat der Oberaudorfer Kirchenmusiker vor kurzem im OVB-Interview betont. Wieder das Herz. Sein Adventssingen, das der Musiker aus dem kleinen Ortsteil Seebach hoch über Oberaudorf, nun zum 13. Mal darbot, ist authentisches Glaubensleben, das sich am Weihnachtsfestkreis von Advent bis Maria Lichtmess und an der Weihnachtslegende von Ludwig Thoma über die „Heilige Nacht“ orientiert.
Das ist der Unterschied zu so vielen Weihnachtsshows, die mehr und mehr zu ertragen sind: Hans Berger spielt nicht mit den Herzen, sondern für die Herzen seiner vielen Zuhörer. Da ist nichts gefühlsduselig, da jodelt nichts zwanghaft unter einem sternerfüllten Kitschhimmel.
Sein Credo lautet: Höre auf das, was an Glaubensfülle da ist, an authentischem Liedgut, an altbewährten Texten. Und so führt auch nicht ein launiger Moderator, sondern ein Evangelist (Andreas Smettan) mit alt- und neutestamentlichen Bibelstellen durch das Programm. Mehr braucht es nicht, denn das ist das Mehr, wie die Riederinger Hirtabuam und -dirndl von Georg Staber mit ihrem erfrischenden Spiel eindrucksvoll verdeutlichten. Auch hier: keine seichte Aufführung, sondern Freude, Freude und noch mal Freude über dieses der Wunder volle Geschehen.
Und so musizieren die jugendlichen Hirten mit Jauchzen, machen sich im Spiel von den Chiemgauer und Inntaler Bergen, vom Salzburger Land lebfrisch und erfüllt vom Engelsgesang auf zum „Kindl“ in der Krippe.
Getragen wird der Weihnachtsfestkreis von den Musikanten und Sängern, überwiegend seit Jahren zum Stamm gehörend, wie der Montini-Chor, der Sixn-Dreigsang, die Lainthaler- und Audorfer Sängerinnen. Sonderapplaus gab es für Kirchenmusiker und Orgelbauer Michael Gartner, der das Adventssingen mit seiner ersten selbst gebauten Orgelportativ bereicherte.
Hans Bergers Herz schlägt zudem seit Jahrzehnten für den musikalischen Nachwuchs: So wurden dem Kinderchor unter Leitung von Birgit Sporer sowie jungen Nachwuchsbläsern immer wieder Raum gegeben. Passend zum Programm führten Bilder von Antonia Wutz, projiziert auf eine Großleinwand, durch die herrlichen Berg- und Krippenlandschaften des Inntals und Chiemgaus.
Und wie ist es jetzt mit dem Herzschlag von Weihnachten? Beim gemeinsam gesungenen „Stille Nacht“ war er spürbar, der rechte Herzschlag, der Herzschlag Gottes, der sanft, leise, zuverlässig und ewig im Takt der Liebe der Gerechtigkeit und des Friedens schlägt. So gesehen, ist tatsächlich immer Weihnachten.
Der letzte Ton der Zither verklingt. Ganz still ist es im Zuhörerrund. Und Hans Berger lächelt, so als spürte er ganz gewiss, dass genau jetzt die weihnachtliche Botschaft angekommen ist: „Sei uns gegrüßt, König und Herr, der auf die Erde kam zum Los – so klein zu sein und doch so groß!“