Das Wunder von Prien

von Redaktion

Rainer Schütz verabschiedet sich mit Bachs „Weihnachtsoratorium“

Prien – Im Gedränge der Konzertbesucher zufällig aufgeschnappt: „Für mich ist das Weihnachtsoratorium das Höchste!“ Ähnliches hat sich wohl der in den Ruhestand wechselnde Priener Kirchenmusiker Rainer Schütz gedacht und somit sich, den Chören und dem Publikum mit Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ (Kantaten 1 bis 3) ein Abschiedsgeschenk kredenzt, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann.

Rainer Schütz hat sich durch sein jahrzehntelanges Wirken beim damaligen Rosenheimer Musikverein einen respektablen Namen über die Region hinaus gemacht. In Prien selbst gründete er zusätzlich zum Kirchenchor auch die Capella Vocale und rief die Priener Kirchenmusiktage ins Leben. Durch die groß angelegten, minutiös vorbereiteten Kirchenkonzerte hat Schütz Prien zu einem Mekka anspruchsvoller Musikfreunde werden lassen. Darf man (ohne Neubeuern nahetreten zu wollen) vielleicht sogar von einem „Wunder von Prien“ sprechen?

Atemlose Stille im vollbesetzten Kirchenschiff; die Spannung einer enormen Erwartungshaltung war zu spüren. Plötzlich wurde man vom Beginn fast überrumpelt, denn in pointiert schnellem Tempo donnerte exakt und fröhlich die Pauke, und die ganze Klangpracht des Orchesters entfaltete sich in leuchtenden Farben.

„Jauchzet, frohlocket!“

Die Chorgemeinschaft Mariä Himmelfahrt und die Capella Vocale fieberten ihrem Einsatz entgegen: „Jauchzet, frohlocket!“ – schon nach wenigen Tönen waren alle, Musiker wie Publikum, in Bachs Weihnachtsoratorium angekommen!

Der stete Wechsel von Chor, Arie, Rezitativ, Duett und Choral ließ die Aufmerksamkeit nie erlahmen. Man war fasziniert, mit welcher Kraft und Präzision die Männerstimmen die Sechzehntel-Passagen bewältigten („Dienet dem Höchsten…“), wie der Sopran sich locker, aber selbstbewusst in schwindelnde Höhen schwang und der Alt mit sattem, beseeltem Klang auch in der Tiefe noch die melodischen Linien deutlich nachzeichnete.

Eine beglückende Bereicherung waren „Die jungen Wilden“: Die dem Kinderchor entwachsenen Mädchen sangen in engelhafter Innigkeit, umrahmt vom Arioso des Basssolo und den Girlanden delikater Holzbläser, den einstimmigen Choral „Er ist auf Erden kommen arm“. Das drang in seiner ehrlichen Anmut unmittelbar ins Herz!

Ein Neuling in der Priener Solistenriege war der junge Tenor Michael Mogl. Als Evangelist nahm er sofort mit runder, weich timbrierter Stimme gefangen. Sein zu voluminöser Stärke fähiges Organ wusste er genau zu dosieren. Die Textverständlichkeit war Voraussetzung seiner künstlerischen Gestaltung. Die Mezzosopranistin Okka von der Damerau ließ schon vor Jahren in Prien aufhorchen; inzwischen hat sie mächtig Karriere gemacht, war aber nun in alter Verbundenheit nochmals nach Prien gekommen. Überragend an Stimme und Gestaltungskraft betörte sie zunächst mit der Arie „Bereite dich Zion“ und in der zweiten Kantate mit „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh“. Die über Takte hinweg zu haltenden Anfangstöne strömten der Sängerin mühelos und volltönend von den Lippen, ein Wiegenlied vom Feinsten!

Bereits zum Inventar der väterlichen Konzerte zählt Thomas Schütz, dessen ungemein flexibler und sensibler Bariton, ebenso die plastische Ausdruckskraft seiner Deklamation immer wieder begeistern. Die Arie „Großer Herr, o starker König“ hatte nichts von einer Apotheose diktatorischer Machtentfaltung. Immer wieder ließ Schütz den Ton aus dem Piano anschwellen. So wurde der „Heiland“ glaubwürdig, welcher „der Erden Pracht“ nur wenig achtet und in „harter Krippen“ schlafen muss! Dieser Konzeption stand ein wenig die allzu mächtig strahlende Trompete entgegen.

Im Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei“ harmonierte Schütz mit der Sopranistin Jenavieve Moore, deren silbern virtuose Stimme sich im weichen Klang des Baritons geborgen fühlen durfte.

Wenn Koryphäen wie der Geiger Florian Sonnleitner zu Rainer Schütz stoßen, darf man gewiss sein, dass das Orchester für die Intentionen des Dirigenten maßgeschneidert ist. Sonnleitner machte auf der Solovioline zusammen mit Okka von der Damerau die Arie „Schließe, mein Herze…“ zu einem der großen Höhepunkte des Abends: Sein entrücktes, verinnerlichtes Spiel war völlig frei von eitler Selbstdarstellung – darf man hier das Wort „altersweise“ als großes Lob verwenden?!

Hervorzuheben sind natürlich auch die Instrumentalsolisten wie Elisabeth Steiner (Flöte), Takahiro Fujii (Oboe), Marija Hackl (Violine) und Thomas Oberleitner (Trompete). Sehr aktiv, aber feinnervig den Klanggrund des barocken Orchesters bildend, agierte das ebenso zuverlässige wie inspirierte Team des Continuo: Hubert Huber (Orgel), Birgitt Sassmannshaus (Cello), Holger Herrmann (Kontrabass) und Yoko Fujimura (Fagott). Auch nach dem letzten Ton des Oratoriums herrschte wieder atemlose Stille, bis der Dirigent die Arme sinken ließ. Dann aber nahmen die ergriffenen Zuhörer das anfängliche „Jauchzet, frohlocket!“ wörtlich: Ovationen für die Chöre, die Solisten, das Orchester und – Rainer Schütz.

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