Kantaten für die „Weiße Königin“

von Redaktion

Chorkonzert mit romantischen Weihnachtskantaten in Kolbermoor

Kolbermoor – Noch erfüllt von der Weihnachtskantate „Von Himmel hoch“ tritt man aus der Pfarrkirche Heiligste Dreifaltigkeit in Kolbermoor – da legt der DJ auf dem Platz davor schon los mit der Vorsilvesterparty und serviert in höchster Lautstärke „Atemlos durch die Nacht“. Schärfer kann der Kontrast nicht sein, im Gedächtnis aber gewinnen statt Helene Fischer Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Reger, deren Kantaten man mindestens so atemlos gelauscht hatte, denn sie sind wenig bis gar nicht bekannt.

Gleich vier Chöre hatte Gerhard Franke aufgeboten, die fast die ganze Apsis füllten: „Seine“ Chöre von Hl. Dreifaltigkeit und Wiederkunft Christi, den Jakobus-Chor Bad Endorf und den Chor der Chorleiter des Dekanats Bad Aibling, dazu ein ausgesuchtes Orchester. Energisch und immer wieder anfeuernd hielt Franke alles zusammen. Mit diesem Konzert huldige man „der weißen Königin“, der restaurierten Orgel der Dreifaltigkeitskirche, sagte der Stadtpfarrer Maurus Scheurenbrand zur Begrüßung und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass noch weitere Konzerte folgen mögen: Die romantische Musik hat wohl hier eine neue Heimstatt im Rosenheimer Raum gefunden. Was Gerhard Franke hier schon geboten hat, ist äußerst reizvoll und rar.

Mit 13 Jahren komponierte Felix Mendelssohn sein an Vivaldi und Bach geschultes „Magnificat“, an dem sich aber auch erwachsene Sänger die Zähne ausbeißen können, etwa an den jubelnden „Exsultavit“-Koloraturen oder an der durchaus ambitionierten Schlussfuge. Da taten sich die Tenöre am schwersten, die Altistinnen drangen schön durch, die zahlreichen Soprane leuchteten stimmstark darüber. Mit zartem Sopran stimmte Dagmar Gareis ihre Arien an, ihr gesellte sich mit warmem Alt Monica Wäckerle bei und mit in der Höhe durchschlagendem Bariton Minari Uramo.

Mit 22 Jahren komponierte Mendelssohn mitten im römischen Karneval die Weihnachtskantate „Vom Himmel hoch“. Kaskadenhaft stürzen da fast freudetrunken die Geigentöne wie vom Himmel herab und immer wieder strahlt die Choralmelodie durch, im Finale umrauscht von Streicherarpeggien und festlichen Bläserfanfaren. Der Chor sang mit Festtagsfreude, Dagmar Gareis machte ihren Sopran ganz zärtlich in ihrer Arie, die von lieblichen Holzbläsern begleitet wird, und der Tenor Richard Eschlbeck sang markant seine Arie.

Am bezauberndsten war die in der Programmmitte stehende Choralkantate über „Vom Himmel hoch“ von Max Reger. Ein kleinerer ausgesuchter Chor begab sich dafür mit den Geigern Wolfgang und Lukas Gahabka auf die Orgelempore. Anfangs klettert die Violine zu sphärischen Orgelklängen wie in den Himmel hinauf und umspielt dann süß die von Dagmar Gareis ebenso süß angestimmte Choralmelodie, bis die Orgel (gespielt von Judith Trifellner) alles in sehnsüchtig schmelzende und bisweilen sanft zerstäubende Harmonien einhüllt und am Ende sowohl die beiden Geigen als auch schließlich Sopran und Alt ebenso „Stille Nacht“ dareinweben und der Chor alles freudebrausend beschließt: romantische Weihnachten vom Himmel hoch.

Artikel 9 von 9